Die Geschichte, mit der er mich auf Anhieb beeindruckte, ereignete sich gleich bei meinem ersten Besuch. Das war im Frühjahr 1987, ich war als Lektor des Siedler Verlages nach Hamburg-Langenhorn gekommen, um Helmut Schmidt die Entwürfe für die Illustrationen zu seinen im Herbst erscheinenden Memoiren zu präsentieren. Auf einer Weltkarte sollten die gegenseitigen militärischen Bedrohungspotenziale der Supermächte veranschaulicht und die wichtigsten strategischen Stützpunkte von Russen und Amerikanern eingezeichnet werden. "So einen Scheißdreck legen Sie mir vor?" Es war der erste vollständige Satz, den ich aus seinem Munde hörte. Mit einem Blick hatte er erfasst, dass auf der Karte der US-Flottenstützpunkt Diego Garcia im Indischen Ozean fehlte, dass Guantánamo Bay auf Kuba nicht als US-Stützpunkt ausgewiesen war und dass der Zeichner die strategisch höchst bedeutsame Grenze zwischen Afghanistan und China vergessen hatte. "Wissen Sie, wo Los Angeles liegt?" Ich fing an, mich vorsichtig an die amerikanische Westküste heranzutasten. "Und warum liegt es auf dieser Scheißkarte dann nördlich von San Francisco?"

Ich habe die Situation zu retten versucht, indem ich sagte, ich sei gekommen, um zu verstehen, was er mit den Karten eigentlich beabsichtige. Loki holte den großen Times-Atlas aus dem Bücherregal, legte ihn auf den Esstisch, und dann erhielt ich meine erste Nachhilfestunde in grand strategy, einen vielleicht fünfzehn Minuten dauernden Exkurs über die globalen machtpolitischen Konstellationen und darüber, wie alles mit allem zusammenhängt. Das Ganze wurde so glasklar entwickelt, so nüchtern und bar jeder Ideologie vorgetragen, dass mir die meisten Probleme dieser Welt plötzlich lösbar erschienen. Sogleich kamen mir allerdings Zweifel, ob die amtierenden Staats- und Regierungschefs den gleichen Überblick besaßen wie Helmut Schmidt. Um dieses Doppeleffekts willen begannen ihn die Deutschen gegen Ende seines Lebens zu lieben: dass er ihnen die Welt erklärte, als stünde er noch immer selbst auf der Brücke, und dass, falls er wirklich noch dort stünde, die Dinge besser geregelt würden.

Bereits in den frühen achtziger Jahren, also noch zu Amtszeiten, hatte sich Schmidt gelegentlich mit dem Gedanken beschäftigt, Bücher zu schreiben. Als Erstes, so erklärte er 1982 dem Schauspieler Hardy Krüger, schwebe ihm so etwas vor wie Begegnungen mit Zeitgenossen, danach vielleicht ein historisches Werk. Über Hardy Krüger kam eine lose Verbindung zum Hause Bertelsmann zustande. Im Sommer 1983, ein Dreivierteljahr nach dem Ende der sozial-liberalen Koalition, wurde Schmidts Finanzminister Manfred Lahnstein in den Bertelsmann-Vorstand berufen und übernahm die Kommunikation mit seinem ehemaligen Chef. Unter den zahlreichen Häusern der Verlagsgruppe Bertelsmann, so zeichnete sich bald ab, wäre der kurz zuvor gegründete Berliner Siedler Verlag die geeignete Adresse für Schmidts Memoiren.

Die Zusammenarbeit stand zunächst unter keinem guten Stern. Im Herbst 1983 sollten im Siedler Verlag die ersten Bände einer neuen Reihe zum deutschen Widerstand erscheinen. Ohne Schmidts Einverständnis eingeholt zu haben, hatte der Verlag in seiner Vorschau angekündigt, der ehemalige Bundeskanzler werde die Reihe vorstellen. Siedler konnte von Glück reden, dass sein potenziell wichtigster Autor sich durch diese Aktion nicht irritieren ließ. Anfang Februar schickte er eine Rohfassung der beiden ersten während eines längeren Schreiburlaubs auf Gran Canaria entstandenen Kapitel mit der Bitte um Kritik nach Berlin.

Wenn Schmidt so weiterschreibe, werde wohl kaum ein brauchbares Buch herauskommen, beschied ihm der Verleger. Ob man sich nicht auf Gespräche verständigen könne, aus denen er, Wolf Jobst Siedler, gemeinsam mit Joachim Fest anschließend eine Manuskriptgrundlage erstellen würde. So hätten sie seinerzeit im Falle von Albert Speer aus trocken erzähltem Stoff einen Weltbestseller gemacht. Zurzeit arbeiteten sie auf die bewährte Weise an den Erinnerungen von Theodor Eschenburg – und demnächst wohl mit Hermann Josef Abs. Der Verleger, der versuchte, seinen Autor vom Schreiben abzubringen, hatte ein weiteres Mal Glück, dass dieser die Zusammenarbeit nicht einstellte, noch bevor sie richtig begonnen hatte.

Eine wie auch immer definierte Form des Ghostwritings kam für Helmut Schmidt nicht infrage – weder damals noch in späteren Jahren. Umso mehr Wert legte er auf eine kritische Redaktion. Dafür musste man sich allerdings warm anziehen. Wenn man seinen Standpunkt begründen konnte und nicht gleich einknickte, kam es zu einer kurzen Diskussion; dann ergänzte Schmidt den beanstandeten Satz, strich oder formulierte neu. Manchmal ging es unentschieden aus. "In der Sache haben Sie recht", sagte er, "aber ich bleibe dabei." Die Endredaktion seiner Manuskripte nahm meist mehrere Tage in Anspruch, und wenn er oft genug siegte, machte ihm die Arbeit Spaß.

Am meisten Kummer bereitete dem Verlag die Weigerung Schmidts, das Buch als Memoiren oder Erinnerungen zu bezeichnen. Das Schreiben von Memoiren verleite dazu, sich selbst zu beweihräuchern und sich schöner zu machen, als man sei. Zwar lief das Projekt bei ihm unter dem Titel "Begegnungen mit Zeitgenossen", aber sich an Menschen zu erinnern, die ihm wichtig waren, bedeutete für Schmidt gerade nicht, die eigene Person in den Mittelpunkt zu rücken. Über sich selbst wollte er nur so viel mitteilen, wie unbedingt notwendig war, und für das erzählerische und anekdotische Beiwerk, das dem Stoff erst die Farbe gibt, interessierte er sich schon gar nicht. "Fragen Sie meine Frau", sagte er, wenn ich fehlende Anschaulichkeit beklagte, und vieles von dem, was Loki erzählte, fand dann Eingang in seinen Text.