Die erste persönliche Begegnung mit Helmut Schmidt liegt zwanzig Jahre zurück. Er kam eigens nach Stuttgart, um die Satisfaktionsfähigkeit der designierten neuen ZEIT-Gesellschafter zu erforschen. Mit Prinz-Heinrich-Mütze entstieg er seinem Wagen, schaute sich kurz um und begrüßte mich dann mit den Worten: "Haben Sie eine riesige Villa!" Erst im Hineingehen sah er die große Telefonzentrale und meinte entschuldigend lächelnd: "Ach, das ist wohl Ihr Verlagshaus." Die nachfolgenden drei Stunden glichen einem Verhör, waren schweißtreibender als Abitur plus Diplom. Es dauerte noch Tage, bis ich von der Testamentsvollstreckerin des Gründungsverlegers Gerd Bucerius die erlösende Nachricht bekam, die Prüfung bestanden zu haben. Ob ich Schmidts Lieblingsnote "ordentlich" bekommen hatte, erfuhr ich nie.

Helmut Schmidt war in seiner Eigenschaft als Mitherausgeber der ZEIT angereist. Der kinderlose Gerd Bucerius hatte verfügt, dass die beiden Herausgeber Helmut Schmidt und Marion Gräfin Dönhoff einem etwaigen Verkauf des Zeitverlags zustimmen müssen. Dass auch die Gräfin der Anteilsübertragung an meine Geschwister und mich bedenkenlos zustimmte, verdankten wir ihrem engen Freund Marcus Bierich, damals Chef von Bosch und hochgeschätzter Aufsichtsratsvorsitzender unserer Verlagsgruppe.

Als vor gut 30 Jahren die Nachricht über Helmut Schmidts Berufung zum Mitherausgeber der ZEIT über die Ticker lief, hielt ich das für ein Gerücht. Würde denn ein kluger, auf die Unabhängigkeit seines Blattes größten Wert legender Verleger einen Spitzenpolitiker auf einen publizistisch so sensiblen Posten hieven? Und würde andererseits ein vehementer Kritiker des deutschen Journalismus und der oft "inkompetenten" Journalisten ein solches Amt annehmen? Doch ich täuschte mich, täuschte mich gleich zweimal. Denn erstens wurde Helmut Schmidt Mitherausgeber des Blattes. Und zweitens wurde er, entgegen meinen Befürchtungen, zum großen Glücksfall für die ZEIT.

Ende der neunziger Jahre leiteten wir umfangreiche Reformen im Verlag und bei der Zeitung ein. Dabei stießen wir auf viel Unverständnis und Widerstand. Helmut Schmidt, der von der Notwendigkeit der Veränderungen überzeugt war, half, die Gemüter zu beruhigen und seine Kollegin Dönhoff zu besänftigen. Die vielen Neuerungen, die in jenen turbulenten Jahren durch die Chefredakteure Josef Joffe und Michael Naumann, danach von Giovanni di Lorenzo initiiert und mit großem Erfolg umgesetzt wurden, hatten Schmidts volle Unterstützung. Zugleich konnte der Mitherausgeber seine publizistischen Fähigkeiten im Blatt und in Büchern voll entfalten. Die ZEIT profitierte von seinem Wissen, seinem analytischen Talent und seinen weltweiten Verbindungen, gewann weiter an politischem und ökonomischem Profil. Der durchaus wertebewusste Helmut Schmidt lehrte zudem manch Jüngeren, wünschenswerte Maximalanforderungen mit dem Möglichen und Erreichbaren zu balancieren.

Im Zusammenspiel mit dem Verlag erwies sich der ehemals autoritäre Kanzler zunehmend als begeisternder Teamplayer. Bei seinen vielen öffentlichen Auftritten für die ZEIT begeisterte er mit seiner brillanten Rhetorik und Logik und mit seinen humorvollen, rauchgeschwängerten Gedanken. In den drei Jahrzehnten seines Wirkens trug er dabei mehr zu Ansehen und Auflage des Blattes bei, als es gutem Marketing möglich ist.

Der Helmut Schmidt, den wir als Bundeskanzler kannten und respektierten, und der Helmut Schmidt, den wir heute bewundern und der uns jetzt verlassen musste, scheint nicht derselbe zu sein. Damals erschien er unnahbar, unduldsam, kompromisslos, zuweilen auch arrogant. Vieles davon dürfte dem nervenaufreibenden Amt geschuldet gewesen sein. Heute betrauern wir eine Persönlichkeit mit weit mehr Facetten. Denn der große Staatsmann und Weltökonom Schmidt war auch immer ein Lernender, ein Zuhörer, ein Mitleidender. Er war auch ein Schöngeist und Musikversteher, ein Verfechter der Menschenwürde, ein zukunftsorientierter Vordenker. Er konnte – und war es gern – höflich und charmant sein, wurde zunehmend liberal. Er war ein Geschenk für Deutschland, auch für die ZEIT. Bucerius’ umstrittenste Personalentscheidung war seine beste. Und auch Helmut Schmidt hatte eine kluge Entscheidung getroffen: Er konnte sich ein zweites, erfülltes Berufsleben aufbauen, wirkungsmächtig dem Allgemeinwohl verpflichtet. Die ZEIT und die Familie von Holtzbrinck sagen ihrem einzigartigen Herausgeber Dank.

Dieter von Holtzbrinck ist mit seinem Bruder Stefan und seiner Schwester Monika Schoeller Verleger der ZEIT.

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