Dass er das Zeug zum Bundeskanzler hatte, wussten alle, und er selbst wusste es auch. Nie zuvor hatte sich ein deutscher Politiker, bevor er an die Spitze der Bundesregierung trat, in so vielen Bereichen ein so gründliches und umfassendes Sachwissen erworben wie er. Bundestagsabgeordneter, Innensenator der Freien und Hansestadt Hamburg, Vorsitzender der sozialdemokratischen Bundestagsfraktion, stellvertretender Vorsitzender der SPD, Bundesverteidigungs-, Finanz- und Wirtschaftsminister war er gewesen. In allen Ämtern hatte er geglänzt. Er galt als Experte für fast alles, die Außenpolitik inbegriffen. Er war einer der brillantesten, witzigsten, schlagfertigsten Redner in Parlamentsdebatten und auf Wahlkundgebungen, vor akademischem Publikum und auf internationalen Kongressen. Wenn er Englisch sprach, formulierte er fast so druckreif wie auf Deutsch. Und dennoch – wäre es nach ihm gegangen, hätte er das Amt des Bundeskanzlers am 16. Mai 1974 nicht angetreten.

Helmut Schmidt, nach der Bundestagswahl vom November 1972 von Willy Brandt erneut mit dem Amt des Bundesfinanzministers betraut, hatte in den Monaten, die seiner Kanzlerschaft vorausgingen, dem Mann an der Spitze des Kabinetts und der Sozialdemokratischen Partei mehr als einmal Führungsschwäche vorgeworfen. Doch als Brandt am 6. Mai 1974 wegen der Agentenaffäre Guillaume als Bundeskanzler zurücktrat, tat er es gegen den erklärten Willen des von ihm selbst vorgeschlagenen Nachfolgers. Schmidt hatte Brandt zum Bleiben aufgefordert, weil er keinen hinreichenden Grund für einen Amtsverzicht des ersten sozialdemokratischen Kanzlers sah und den fatalen Eindruck fürchtete, die Staatssicherheit der DDR habe es in der Hand, einen Regierungschef der Bundesrepublik zu Fall zu bringen. Und wenn er Brandt schon nicht umstimmen konnte, sollte dieser doch wenigstens Vorsitzender der SPD bleiben – eine Arbeitsteilung, die Schmidt später bedauern sollte, als es zwischen dem Parteivorsitzenden Brandt und ihm in Fragen der Sicherheitspolitik zu einem tiefen Dissens kam.

Der fünfte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland unterschied sich in vielem von seinem Vorgänger. Dem politischen Visionär folgte ein pragmatischer Verantwortungsethiker. Brandt dachte eher situationsbezogen und intuitiv, Schmidt dagegen normativ und analytisch. Als Parteivorsitzender bezog Brandt gern "zentristische", also ausgleichende Positionen; sein Stellvertreter Schmidt war der führende Sprecher des rechten Parteiflügels. Als solcher kritisierte er nicht nur die "neue Linke" in den Reihen der SPD, sondern auch Brandts Neigung, der rebellischen Generation der 68er mehr Verständnis entgegenzubringen, als der Sozialdemokratie nach Schmidts Überzeugung guttat. Spannungen zwischen dem Kanzler und dem Parteivorsitzenden waren im Frühjahr 1974 also leicht vorhersagbar; sie waren in der Persönlichkeit der Akteure ebenso angelegt wie in der Unterschiedlichkeit ihrer Aufgaben.

Ohne das Pathos des Aufbruchs

Mit dem Namen Willy Brandt ist die Öffnung nach Osten so untrennbar verknüpft wie die Westbindung mit dem Namen Konrad Adenauer und die Wiedervereinigung mit dem Namen Helmut Kohl. Der Name Helmut Schmidt ist mit keinem vergleichbaren historischen Ereignis verschmolzen. Dennoch gibt es keinerlei Streit darüber, dass er zu den großen Bundeskanzlern gehört. Schmidt hat die Bundesrepublik mit fester Hand durch drei schwere Krisen geführt und den westdeutschen Staat dadurch innerlich und äußerlich gefestigt. Die erste Krise war die der Weltwirtschaft, die zweite die des Terrorismus von links, die dritte jene, welche die Sowjetunion unter Breschnew mit ihrer forcierten Rüstung auf dem Gebiet der Mittelstreckenraketen ausgelöst hatte.

Die erste Krise, die der Weltwirtschaft, hatte mit dem "Ölpreisschock" vom Herbst 1973 begonnen. Mit der Drosselung der Rohölproduktion wollten die arabischen Erdölländer den Rückzug Israels aus den 1967 besetzten Gebieten Palästinas und die Anerkennung des Selbstbestimmungsrechtes des palästinensischen Volkes erzwingen. Die Folgen für die Weltwirtschaft waren einschneidend, und in der Bundesrepublik, wo jeder fünfte Arbeitsplatz vom Export abhing, waren sie besonders zu spüren. Der Konjunktureinbruch bewirkte eine allgemeine Ernüchterung, was die Lenkbarkeit ökonomischer Prozesse anging, und entzog der Reformeuphorie der frühen sozialliberalen Ära, der Jahre 1969 bis 1972, zusehends den Boden.

In seiner ersten Regierungserklärung am 17. Mai 1974 setzte Schmidt denn auch ganz andere Akzente, als Brandt es noch im Januar 1973 getan hatte. Er sagte: "In einer Zeit weltweit wachsender Probleme konzentrieren wir uns in Realismus und Nüchternheit auf das Wesentliche, auf das, was jetzt notwendig ist, und lassen anderes beiseite." Die Zeit der großen Reformen war abgelaufen, das Pathos des Aufbruchs hatte sich verflüchtigt. SPD und FDP bildeten nicht mehr eine durch eine gemeinsame Philosophie verbundene "neue Mitte", sondern eine Zweckgemeinschaft zur Lösung drängender Probleme – zusammengehalten nicht zuletzt durch eine parlamentarische Opposition, die, solange sie die Ostpolitik bekämpfte, weder für die FDP noch für die SPD eine Alternative zum derzeitigen Koalitionspartner sein konnte.