Eine der wenigen Meinungsverschiedenheiten, die ich je mit Helmut Schmidt hatte, drehte sich um die Frage, wann wir einander zum ersten Mal begegnet waren. Er behauptete, es sei bei einer Konferenz an der Harvard-Universität gewesen, wo wir über Nuklearstrategie gestritten hätten. Ich war überzeugt, dass es schon ein paar Monate früher in Hamburg war, wo er mir als vielversprechender Nachwuchspolitiker vorgestellt wurde. Ich denke, unsere Meinungsverschiedenheit rührte daher, dass wir beide stolz waren auf unsere Verbindung: Jeder beanspruchte für sich, den anderen entdeckt zu haben.

Mit den Jahren wurden wir gute Freunde. Ich hatte das Glück, fast ein Jahrzehnt lang Helmuts Kollege zu sein, als er Verteidigungsminister, Finanzminister und Kanzler war. Wir blieben in engem Kontakt, nachdem wir beide aus dem Amt geschieden waren, trafen uns oft und führten eine rege Korrespondenz miteinander. Wir hatten die gleichen geistigen Interessen, besuchten einander an runden Geburtstagen und konnten auch unsere gelegentlich auftretenden Differenzen stets beilegen.

Es gab keinen anderen Staatsmann, dem ich mehr vertraute als Helmut – und wenige, in die ich so viel Vertrauen setzte wie in ihn. Während er Verteidigungsminister war, spielte er eine entscheidende Rolle, als es darum ging, Präsident Nixons und meine Vorbehalte gegenüber Willy Brandts Ostpolitik auszuräumen. Solange er Kanzler war, bin ich selten nach Europa gekommen, ohne mich mit ihm im Kanzlerbungalow auszutauschen. Er war zutiefst überzeugt, dass Deutschland und Amerika in einer gemeinsamen Verantwortung standen; daher beschränkte sich sein Rat nie auf ein engstirnig definiertes deutsches Nationalinteresse. Er zögerte nicht, mich während eines Staatsbesuchs in Algier anzurufen, um mir seinen Freund, den neuen französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d’Estaing, ans Herz zu legen. Er tat dies nicht, ohne mich eindringlich zu ermahnen, um Gottes willen einen Rückfall in die herkömmlichen Streitereien zwischen Gaullisten und Amerikanern zu vermeiden – und nicht ohne den Zusatz, er werde uns beide scharf im Auge behalten.

All seine Äußerungen zur Politik hatten eine zutiefst moralische Grundierung. "Politik ohne Gewissen tendiert zum Verbrechen", sagte er einmal. "Ich verstehe Politik als pragmatisches Handeln zu moralischen Zwecken." Typisch für Helmut war eine Unterhaltung, die ich mit ihm einige Wochen nach dem kühnen Kommandounternehmen der GSG 9 in Mogadischu führte. Helmut erzählte von seiner Seelenqual in den Stunden, ehe die Erfolgsnachricht kam: Wenn ihn schon, grübelte er, das Schicksal von 90 Geiseln und der Stoßtruppeinheit, die sie rettete, dermaßen aufwühlte – wie würde er es je über sich bringen, eine Nato-Strategie zu vollziehen, die den Einsatz von Atomwaffen bedeutete? Und dennoch stimmte er einige Jahre später der Stationierung von amerikanischen Mittelstreckenwaffen auf deutschem Boden zu – weil er glaubte, dies sei seine Pflicht, wann immer es um die Verteidigung der Freiheit ging.

Dieser Wesenszug des leidenschaftlichen Politikers stand in offenkundigem Gegensatz zu Helmuts hanseatischer Haltung, die ihm selbst im Angesicht von Freunden und Mitarbeitern verbot, persönliche Gefühle an den Tag zu legen. Das letzte Mal, als ich Marion Dönhoff sah, geschah dies beim Abendessen mit Helmut und Loki in deren Langenhorner Haus. Marion litt große Schmerzen, die sie sich nicht anmerken ließ. Helmut ehrte ihre preußische Selbstkontrolle, indem er ihre Krankheit nicht ein einziges Mal erwähnte. Marion und Helmut waren einander in tiefer Freundschaft verbunden, doch sie duzten sich ebenso wenig, wie ich ihn duzte. Bei Helmut bedurfte Freundschaft nicht solcher ausdrücklichen Unterstreichung und Betonung. Sie war ihm in sich selbst genug.

Den Staatsmann Helmut Schmidt zeichnete vor allem eines aus: Charakter. Er besaß die Fähigkeit, fest zu stehen, wenn die Stürme tobten. Man konnte sich auf ihn verlassen, was immer der äußere Anschein sein mochte. Er war ein Mann großen Formats, heroischer Taten fähig. Wenige Staatenlenker – wenn überhaupt welche – waren auf so vielen Feldern so gut auf ihre Ämter vorbereitet.

Die Geschichte hat ihm freilich nicht die Gelegenheit verschafft, die von Willy Brandt begonnene Versöhnung zwischen Ost und West zu vollenden, noch hat sie ihm – wie später Helmut Kohl – die Erfüllung der nationalen Sehnsucht vergönnt. Er führte die Geschäfte seines Landes mit Intelligenz, handwerklicher Gediegenheit und Stil. Er steuerte den Übergang Deutschlands aus einer Vergangenheit der Teilung und Besatzung in seine Zukunft als stärkste europäische Nation, von seiner engen Sicherheitsbesessenheit zu einer Führungsrolle beim Bau der neuen Weltordnung, von der Einhegung des wieder aufstrebenden Landes im europäischen Integrationsrahmen zur Übernahme einer Leitrolle in dem entstehenden europäischen Staatenverbund.