Helmut Schmidt bin ich zum ersten Mal in meiner Heimatstadt Rostock begegnet, und zwar im Juni 1988. Ich leitete damals die Kirchentagsarbeit der mecklenburgischen Landeskirche und hatte ihn eingeladen, auf dem regionalen Kirchentag zu sprechen. Noch war Deutschland geteilt, die SED nicht entmachtet. Doch in der Bevölkerung gärte es bereits, und zahllose Menschen hatten Anträge auf Ausreise in den Westen gestellt.

Helmut Schmidt war zwar kein Bundeskanzler mehr, aber bei den Menschen in der DDR weiterhin außerordentlich beliebt. Ich wollte ihm ein anderes Mecklenburg zeigen und andere Landsleute vorstellen als jene, die ihm 1981 in Güstrow vorgeführt worden waren, bei der makabren Inszenierung anlässlich eines Treffens mit Erich Honecker, als Tausende Stasi-Mitarbeiter Volk spielten, die Bevölkerung aber systematisch von dem Gast aus Bonn ferngehalten wurde.

Obwohl die staatlichen Stellen seine Einreise 1988 zunächst strikt abgelehnt und sogar einige Kirchenvertreter Bedenken gegen den Besuch geäußert hatten, hielten wir unsere Einladung aufrecht. Unzählige Rostocker, darunter auch ich, bangten bis zur letzten Minute, ob Schmidt die Grenze würde passieren dürfen. Und tatsächlich: Er kam. Die Freude der Kirchentagsbesucher war riesig. Was sich bei seiner Ankunft abspielte, findet sich treffend mit fünf Wörtern in der Aktennotiz eines Stasi-Offiziers wiedergegeben: "Jubelrufe, lang anhaltender stürmischer Beifall." Mehr als 2.500 Menschen in der Marienkirche und später mehr als 1.000 Menschen in der Heiligen-Geist-Kirche empfingen ihn wie einen lange erwarteten Freund.

Ja, wir waren Helmut Schmidt damals dankbar. Dem Verbündeten aus dem Westen, der so anders dachte und sprach als die Machthaber bei uns in der DDR. Der uns von der Kanzel herab in unserem Kampf für die freie Rede unterstützte und auch das heikle Thema der deutschen Teilung nicht scheute. Vor allem ein Satz ist vielen, die dabei waren, in Erinnerung geblieben: "Jeder von uns weiß, dass wir eine Aufhebung der Teilung nicht erzwingen können. (...) Und trotzdem darf jeder von uns an seiner Hoffnung auf ein gemeinsames Dach über der deutschen Nation festhalten."

Schmidts Worte haben uns Mut gemacht. Allerdings haben wir es damals alle nicht für möglich gehalten, dass die Zukunft so nah war. Dass sich schon ein Jahr später, 1989, in ebenjener Marienkirche, in der er aufgetreten war, jede Woche Tausende von Menschen versammeln würden, um anschließend auf den Straßen gegen die Diktatur zu protestieren.

Das letzte Mal habe ich Helmut Schmidt vor einem guten Jahr im Schloss Bellevue getroffen, wo er anlässlich seines 95. Geburtstages zu Gast war: eine beeindruckende, große Persönlichkeit, in deren langem politischen Schaffen mich am meisten die Entschlossenheit und der Mut beeindruckt haben, das seiner Meinung nach Richtige zu tun, auch wenn er sich in der Minderheit wusste oder wenn es keine gute, sondern nur eine weniger schlechte Lösung gab.

Exemplarisch hierfür steht seine Haltung zum Nato-Doppelbeschluss. Sie war im ganzen Land, auch in seiner Partei, der SPD, heftig umstritten – aber die Geschichte hat ihm recht gegeben. Helmut Schmidt war – wie Karl Popper – zutiefst von der Überlegenheit der offenen Gesellschaft gegenüber autoritären Systemen überzeugt. Er zeigte zwar beständig Gesprächsbereitschaft, drängte aber zugleich auf eine adäquate Verteidigungsfähigkeit im Angesicht der sowjetischen Aufrüstung. Ich weiß seine Standfestigkeit gegenüber der kommunistischen Bedrohung seit Langem zu schätzen – bin mir allerdings nicht sicher, ob ich, als Friedensbewegter in den achtziger Jahren, Helmut Schmidts Haltung schon genauso zu bewerten vermochte, als er den Rückhalt für seine Sicherheitspolitik in der SPD verlor und kurz danach den sicher schmerzlichen Verlust der Kanzlerschaft verarbeiten musste.

Besonders in seiner Zeit als Bundeskanzler hat Helmut Schmidt Großes geleistet für den inneren Frieden in unserem Land, für den Westen und den Osten Europas, für das Ansehen Deutschlands in der Welt. Er hat Politik immer verstanden als pragmatisches Handeln zu sittlichen Zwecken. Und er hat die Verantwortung nicht gescheut, als er sich dem linksextremistischen Terrorismus entgegenstellte und die Forderungen der Rote Armee Fraktion ablehnte. Er blieb standhaft, rettete dabei Menschenleben und konnte doch die Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer nicht verhindern. Das hat ihn ein Leben lang umgetrieben, bis hin zu der Frage, ob er selbst Mitschuld trage am Tod von Opfern des Terrorismus.

Er war sich des Gewichts, des Ernstes und damit auch der Last der Verantwortung im politischen Amt immer bewusst. Er konnte stehen, wo manch anderer zu fliehen trachtete.

Und noch etwas hat mich mit großem Respekt für den Politiker Helmut Schmidt erfüllt. Bis in die letzten Wochen seines langen Lebens blieb er besorgt um das, was aus seinem Land, aus unserem Europa oder – wie im Fall des Klimas – aus der ganzen Welt wird. Ich sehe ihn als ein Vorbild für Politiker und für Bürger, jetzt und in Zukunft. Die Demokratie braucht Menschen wie Helmut Schmidt.

Joachim Gauck ist seit 2012 deutscher Bundespräsident.

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