Marc Aurel und Karl Raimund Popper gehörten zu Helmut Schmidts Lieblingsdenkern, und das klingt erst einmal wie ein schweres intellektuelles Missverständnis. Die beiden Philosophen verbindet nämlich gar nichts; der eine war ein römischer Monarchist und der andere ein freiheitsliebender Demokrat. Warum diese, nun ja: Mesalliance?

Aus welchen Gründen Helmut Schmidt den Philosophen Popper verehrte, liegt auf der Hand. Der Theoretiker der offenen Gesellschaft war ein Erzliberaler, er konnte radikale Weltverbesserer und Zukunftsträumer nicht ausstehen, gleichgültig, in welcher geistigen Himmelsrichtung sie unterwegs waren. "Ich verdanke Popper", so Schmidt, "die rationale Begründung für meine instinktive Abneigung gegen alle Formen von politischen Utopien und Visionen, einschließlich der außenpolitischen Utopie einer Sicherheitspolitik auf Grundlage der Bergpredigt."

Popper wusste, wovon er sprach. Er hatte sich im Wien der zwanziger Jahre den Kommunisten angeschlossen und einen perfiden Verrat erlebt. Um die revolutionäre Wut weiter anzuheizen, hatte sein Führungskader die eigenen Genossen geopfert und der Polizei ans Messer geliefert. Mit Schaudern kehrte Popper der Revolution den Rücken und entkam "mit knapper Not der marxistischen Mausefalle". Er wechselte ins liberale Lager, fand Aufnahme im Wiener Kreis und studierte die Schriften des Ökonomen Friedrich August von Hayek, ohne seiner Idee vom marktkonformen Minimalstaat auf den Leim zu gehen. Als Hitler in Österreich einzumarschieren drohte, packte Popper die Koffer und floh nach Australien.

Totalitarismus – für Popper wie für Schmidt war das die Signatur des 20. Jahrhunderts. Hitler und Stalin hatten der Barbarei zu einem grausamen Sieg verholfen, und alles, wofür die Aufklärer im 18. Jahrhundert gekämpft hatten, Demokratie und Freiheit und Menschenwürde, war in einem Blutgericht aus Tod und Terror untergegangen. Und doch war das totalitäre Denken für Popper viel älter als die Moderne; seine Wurzeln, schrieb er, reichten zurück bis in die Antike.

Die offene Gesellschaft und ihre Feinde hieß der 1945 erschienene Longseller, mit dem Popper seine waghalsige Behauptung untermauern wollte. Die Kernthese, für die sich Helmut Schmidt dann brennend interessieren sollte, lautete: Totalitär denkt, wer eine philosophisch ausgebrütete "Wahrheit" direkt in Politik umsetzen und einer Gesellschaft aufzwingen will. Plato habe das antiliberale Denken erfunden, seine Idee vom idealen Staat liefere noch heute die Blaupause für Erziehungsdiktaturen in aller Welt. "From Plato to Nato" witzelten die Achtundsechziger denn auch, wenn sie sich über Poppers undogmatisches Dogma lustig machten.

Politik besteht aus Versuch und Irrtum

Auch Hegel war in Poppers Augen ein übler Scharlatan. Auf Platons Spuren und mit dialektischem Weihwasser habe er dem preußischen Staat den Segen gespendet – ein Urteil übrigens, das die Forschung längst revidiert hat.

Wo Hegel ist, da scharrt bereits Karl Marx mit den Füßen, und natürlich darf er in der Galerie totalitärer Denker nicht fehlen. Bei Popper hat Marx als falscher Prophet seinen Auftritt, als "orakelnder Philosoph", der sich über die Realitäten hinweg in ein totalitäres Gemeinwesen hineinspekuliert. Wem diese Utopiekritik bekannt vorkommt: Es war genau jene schwer zu widerlegende Kritik am Marxismus, mit welcher der Bundeskanzler die SPD-Linke zur Weißglut brachte. Und doch: Ist es nicht eine Ironie der Geschichte, dass Helmut Schmidt einem entfesselten Kapitalismus zuletzt ähnlich kritisch gegenüberstand wie die ungeliebten Genossen von einst?