Zum Ende hin waren sie ihm wichtiger denn je, all die Grafiken und Gemälde, die ihn so viele Jahre lang begleitet hatten, die oft von Museen ausgeliehen wurden und die er nun unbedingt bei sich behalten wollte. Keine Leihgaben mehr, da war er entschieden. Sein ganzes Leben lang hatte ihn die Kunst getragen, beschwingt, auch getröstet. So sollte es bleiben – bis zuletzt.

Als ich Helmut Schmidt vor zwei Jahren in Hamburg-Langenhorn besuchte, in dem unscheinbaren Haus, das zu ihm, der früh davon träumte, ein großer Baumeister zu sein, nicht recht passen wollte, da traf ich ihn in aufgeräumter Stimmung an. Froh war er, einmal nicht über Politisches Auskunft geben zu müssen. Glücklich, nach einer Leidenschaft befragt zu werden, über die er selten gesprochen, die aber das Selbstbild der Deutschen sehr wohl mit geprägt hatte.

Mochte sein Haus äußerlich bescheiden sein, im Inneren war gleich zu spüren, wie wichtig es Schmidt war, ein fühlender, ein bewegter, ein den Mächten des Schönen aufgeschlossener Mensch zu sein. Hier konnte der sonst so kantige Rationalist ins Schwärmen geraten. Hier war ein Schmidt zu erleben, der sich freudig auf vages Terrain begab, dorthin, wo ihm sein scharfer Verstand nur wenig nützte, weil die Kunst mit Worten kaum zu fassen ist.

Er sah sich nicht als Connaisseur, nicht als Sammler, der Kataloge wälzt, auf Auktionen geht, den Kunstmarkt nach neuen Schätzen durchstreift. Auch wollte er seine vielen Bilder, darunter einige Millionenwerte, nicht als Sammlung bezeichnen, planvoll zusammengetragen. Eher waren die Bilder auf ihn gekommen, als seine Begleiter. Und er war gern mit ihnen gegangen.

Das fing in der Schule an, als seine spätere Frau Loki und er nicht mit Ideologien vollgepumpt wurden, sondern eine Erfahrung der Freiheit und Offenheit machen durften, denn sie zeichneten, sangen, sie lasen Gedichte, sie trafen auf Lehrer mit einem Sinn für das Musische. Und obwohl Schmidt in seiner Kindheit so gut wie nie Originale großer Künstler zu Gesicht bekam, zeigte ihm sein Kunstlehrer doch viele Postkarten, vor allem von französischen Impressionisten und auch von einigen jener Künstler, die ihm schon bald sehr nahe rücken sollten.

Kaum hatte er die Schule hinter sich, war er als Soldat eingezogen worden, konnte aber an den Wochenenden im kleinen Fischerhude vorbeischauen, einer Künstlerkolonie bei Bremen, unweit von Worpswede. Als er mir erzählte, auf wie viele Maler und Schriftsteller er dort traf, wie international, wie offenherzig, wie debattierlustig es zuging in den Ateliers und den Kneipen, hörte es sich an, als habe der junge Schmidt erst hier, im Milieu der Kunst, so richtig zu leben begonnen. Sie wurde ihm eine Sehnsuchtswelt.

Aus jener Zeit stammt auch die Begeisterung für den deutschen Expressionismus, für Emil Nolde, Karl Schmidt-Rottluff, Ernst Ludwig Kirchner oder Otto Modersohn. Die norddeutschen Landschaften vor allem hatten es ihm angetan, moorig und ein wenig düster, doch mit weitem Himmel. Und Ernst Barlach, der im heutigen Kunstbetrieb so wenig gelitten ist, hielt er für einen der größten Bildhauer des 20. Jahrhunderts.