Was macht den Staatsmann aus? Er müsse der "Tüchtigste und Trefflichste" sein, dozierte Aristoteles. Machiavelli sprach von virtù und fortuna, Max Weber von "Charisma". Bei Helmut Schmidt wollen wir vor allem über die Durchsetzungskraft reden, ohne die alles nichts ist, und diese Geschichte läuft so:

George Shultz, der ehemalige US-Außenminister, hatte in Stanford eine Runde der Großen aus aller Welt zusammengerufen, unter ihnen Helmut Schmidt. Das Festmahl fand im Stanford-Museum statt. Kaum hatte sich der frühere Kanzler hingesetzt, griff er schon zur Mentholzigarette. Nun weiß der gewöhnliche Sterbliche, dass in den USA die Todesstrafe auf Rauchen steht, in Kalifornien noch eine, in Stanford, einer Bastion der Leibesertüchtigung, die dritte – und noch nie durfte irgendjemand Rauch blasen, wo Gemälde an den Wänden hängen.

Folglich näherte sich in gebückter Haltung eine Shultz-Gehilfin: "Excuse me, Mr. Chancellor, Rauchen ist hier nicht erlaubt." Schmidt fasste sich ans rechte Ohr und setzte wie in anderen kniffligen Momenten seine Schwerhörigkeit strategisch ein: "What did you say?" Die arme Frau wiederholte sich. Die Antwort war eine Rauchschwade plus ein lautes "I can’t hear you!". Die Arme zog von dannen und kam mit einem Aschenbecher wieder. Der steht heute noch im Memorabilien-Schrein. Schmidt war auch der Einzige, der auf der Bühne des Hamburger Thalia-Theaters ein Päckchen wegrauchen durfte (mit einem Feuerwehrmann in der Kulisse).

Schopenhauer schreibt dem Staatsmann "Mut" und "Festigkeit" zu. Diese Feuerprobe bestand der Kanzler im Deutschen Herbst, als die RAF das Land mit Mord und Terror als "Schweinestaat" zu entlarven versuchte. Der Höhepunkt war die Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut: das Leben der Geiseln gegen die inhaftierten RAF-Genossen. In der unmenschlichen Qual entschied sich Schmidt für den Einsatz der GSG 9 – den ersten Gewalteinsatz im Ausland seit 1945. Fortuna war ihm hold. Wenn nicht? Er wäre im Falle der Katastrophe zurückgetreten, vertraute er seinen Leuten an.

Max Weber nennt das "Verantwortungsethik": Es reiche nicht, das Gute nur zu wollen, der Staatsmann muss die Konsequenzen bedenken. Der Terror, so das Kalkül der RAF, würde dem Staat seine liberale Maske vom Gesicht reißen, ihn in die blindwütige Repression treiben und so die Revolution lostreten. Schmidts langjähriger Freund, der deutsch-amerikanische Historiker Fritz Stern, brachte die historische Leistung des Kanzlers auf den Punkt: Es sei vor allem dessen "Führungsstärke" zu verdanken, "dass die Bundesrepublik trotz all dieser Angriffe ihre bürgerlichen Freiheiten bewahren konnte".

Der Deutsche Herbst war die Nagelprobe der jungen deutschen Demokratie; sie hat sie in der Ära Schmidt bravourös bestanden und so das Fundament befestigt, auf dem das Land zu einem mustergültigen liberalen Staatswesen herangewachsen ist. Stellen wir uns vor, es hätte ein Zauderer wie Ludwig Erhard oder ein Haudrauf wie Franz Josef Strauß regiert.

Selbstverständlich muss ein Staatsmann auch überzeugen, die Herzen der Menschen berühren können – eben Webers "Charisma" zeigen. "Schmidt-Schnauze" verkörperte diesen Magnetismus wie kaum ein anderer Kanzler. Unvergesslich bleibt ein Auftritt des ZEIT-Herausgebers im Thalia-Theater: die sonore Stimme, der gedankenschwangere Zug an der Zigarette, die perfekte Kunstpause. Das Publikum lag ihm zu Füßen. Hernach fragte ich ihn: "Wie schaffen Sie das bloß, die Leute fressen Ihnen aus der Hand?" Er senkte gekonnt bescheiden den Kopf und grinste verschmitzt: "Ich bin eben ein Staatsschauspieler", ein Standardspruch. Das war er – auch. Bloß lag dahinter ein harter Kern der Prinzipientreue, der sich in der Nachrüstungskrise 1979–83 zeigte. Schmidt hatte erkannt, dass in der sowjetischen Vorrüstung mit Atomwaffen, die nur Europa, nicht aber die USA treffen konnten, eine "separate Bedrohung" lauerte, welche die Sicherheit Europas von der amerikanischen entkoppeln würde.

Shakespeare hätte das Drama nicht besser schreiben können. Hier ein Land in der Revolte, in dem Millionen gegen US-Mittelstreckenraketen auf die Straße gingen. Dort die Sowjetunion, die wähnte, die Bundesrepublik werde einknicken. Hier eine SPD, die dem Kanzler die Treue entzog. Dort ein wankelmütiger Jimmy Carter, der Schmidt verzweifeln ließ. "Wenn ich den anrief", erinnerte er sich, "dudelte im Hintergrund die klassische Musik. Ich hätte ihm genauso gut aus dem Bonner Telefonbuch vorlesen können."

Schmidt drohte der Partei: Wenn ihr mir beim Nato-Doppelbeschluss nicht folgt, trete ich zurück! Derweil kochte der Koalitionär, die Genscher-FDP, ihr eigenes innenpolitisches Süppchen, um die expansive Ausgabenpolitik der SPD zurückzuschneiden (die auch Schmidt nicht goutierte).

1982 wurde Schmidt gestürzt, Kohl gekürt. Ein Jahr später gewann Kohl die Bundestagswahl haushoch, dann kamen die Raketen. Und doch will es die Ironie der Geschichte, dass Schmidt recht behielt. Um die Null auf beiden Seiten zu erzwingen, wollte er die Nachrüstung. Doch die vollzog erst Kohl. Drei Jahre später einigten sich Reagan und Gorbatschow auf die "Doppel-Null": keine Raketen für niemand.

Schmidt hatte mit der Nachrüstung richtig entschieden, Kohl fuhr die Ernte ein. Aus solchem Stoff werden Shakespearsche Tragödien gewebt. Bei dem Barden sterben die tragischen Helden. Schmidt aber schien unsterblich zu sein: als ZEIT-Herausgeber, der mindestens ein Buch pro Jahr schrieb, als Praeceptor Germaniae, als meistverehrter (noch lebender) Kanzler der Republik, weit vor Kohl und Schröder. Für Schmidt galt nicht der Spruch des US-Präsidenten Harry S. Truman: "Ein Staatsmann ist ein Politiker, der zehn oder fünfzehn Jahre tot ist." Denn er war Staatsmann schon zu Lebzeiten, vor und nach seiner Kanzlerschaft. Überlassen wir seinem Freund Henry Kissinger das letzte Wort. Zu Schmidts 90. Geburtstag schrieb er: "Ich hoffe, dass er mich überlebt, denn eine Welt ohne Helmut wäre sehr leer."

Josef Joffe ist seit 2000 Herausgeber der "ZEIT" – zusammen mit Helmut Schmidt.

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