Helmut Schmidt: Der Mann in Hut und Mantel

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Helmut Schmidt war ein Meister der Selbstinszenierung. Unwirtlich wollte er erscheinen. Ein einsamer Entscheider Von
DIE ZEIT Nr. 46/2015

Wer Helmut Schmidt pantomimisch darstellt, muss einen Raucher, eventuell einen Tabakschnupfer spielen. Der Tabak war das wichtigste Requisit dieses vermeintlich untheatralischen Staatsmannes, und der Rauch der Zigarette war Teil seines Kostüms. Der Rauch diente dazu, zwei Halbsätze durch eine Kunstpause zu unterbrechen – und er half ihm, das Private und das Staatsmännische zu verbinden: Denn hier rauchte einer sichtlich zum Genuss, aber er rauchte auch, um Höchstleistungen zu vollbringen – im Dienste der Sache. Man sah einen öffentlichen Denker, der sein Werkzeug auspackt: Hier bin ich, hier ist mein Tabak, beides muss nun zusammenkommen. Dazu brauche ich Zeit, sonst wird alles nichts. Er begann einen Satz, entzündete eine Zigarette, inhalierte und vollendete den Satz – all das in einem retardierenden Rhythmus, dem sich sein Publikum fügen musste. Der erste Zug gab ihm die Gelegenheit, für einen Moment öffentlich allein zu sein: Hier war der Mächtige, der weiß, dass im Ernstfall keiner ihm die Not abnimmt, die Spitze der Entscheidungspyramide zu verkörpern. Und Spitzen hoher Erhebungen sind schließlich oft umhüllt von Wolken. Man saß, wenn er rauchte, gleichsam am Sockel der Entscheidungspyramide und sah zu ihm hinauf. Die Kunstpause, so vermittelte der Darsteller, geschah aber nicht aus Affektiertheit, sie war eine Notwendigkeit: Der Raucher selbst hatte die Informationen, die im zweiten Teil des Satzes stecken, erst dem Rauch entnommen, der zwischen ihm und der Welt aufstieg. Rauchen schien diesem Mann eine Bedingung des Regierens zu sein: die Sekunde, da er nicht angesprochen werden konnte. Er musste seinem Inneren diese spezielle Nahrung zuführen, um das Notwendige zu erkennen und dann für alle hörbar auszusprechen, er war darin die nervöse, protestantische Antwort auf die Lustlokomotive, die der mächtige Wirtschaftswunderzigarrenraucher im Stile eines Ludwig Erhard darstellt.

In der Zeit, da Schmidt aufstieg, waren dicke Männer populär: Wirtschaftskapitäne, Nachkriegshedonisten, Notverdrängungsfresser, denen man ihre Vertilgungslust ansah, die aber das Kunststück fertigbrachten, ihren Hunger so wirken zu lassen, dass sich der gemeine Mann Hoffnungen machen konnte, aus der Gier des Dicken einen Schattennutzen zu ziehen – wie der Putzerfisch aus dem Hunger des Raubfischs: Wenn dieser Dicke erst mal satt ist, dachten die Umstehenden, bleibt noch genug für uns. Der Hunger des Dicken war ein Sog, in dem auch die Dünnen auf ihre Kosten kamen. Helmut Schmidt dagegen, der dünne, wachsame Mann, schien in diesem Sinne nie satt sein zu können. Eine Zufriedenheitsgeste, wie sie in der Wirtschaftswunderzeit das Familienoberhaupt vollführte, wenn es sich nach dem Mahl gesättigt in seinem Stuhl zurücklehnte und "Uns geht’s doch gut" seufzte, konnte man sich bei ihm nicht vorstellen. Denn so gut ging es uns, wenn man Schmidts strengem Gesicht glaubte, ja nie. Er verkörperte Wachsamkeit, das untröstliche Pflichtbewusstsein und die Schlaflosigkeit eines Nachtschichtmannes. Kurzum: Der Lotse blieb aufrecht, wenn die anderen sich niederlegten, und die Lotsenmütze war, neben dem Tabak, sein zentrales Requisit. Schmidt war durch Genuss, durch das Gelingen nicht zu sättigen – er blieb auf eine Weise unzufrieden, auch ungemütlich und ungesellig, die an unstillbaren Hunger erinnert. Die momentane Gesellschaft konnte etwas Geglücktes verkörpern, aber er ließ nicht zu, dass sie es sich dabei gemütlich machte.

Das Musische an Schmidt wurde von ihm selbst im Hintergrund gehalten, wo es umso wirksamer leuchtete: Dass er ein guter Klavierspieler war, schien eher, so ließ er es wirken, eine Tatsache zu sein, die nichts zur Sache tat. Vielleicht war es ihm auch unangenehm, allzu öffentlich gefallen zu wollen, Diener eines Komponisten, einer Partitur zu sein. Wer gefallen will, so könnte seine Erscheinung sagen, soll eine andere Bühne betreten, nicht meine.

Wie sprach er? Vergleichen wir ihn mit Angela Merkel. Die aktuelle Kanzlerin hat die Gabe, den intellektuellen Durchschnitt ihres jeweiligen Publikums zu taxieren, als berechne sie flugs den kollektiven Intelligenzquotienten der vor ihr stehenden Gruppe. Je größer die Menge derer, zu denen sie spricht, desto tiefer sinkt dieser Quotient – und desto "pädagogischer" klingt sie. Die Sätze werden dann sehr einfach, luftig gewirkt, leicht verständlich. Sie spricht zu ihrem Volk wie zu einem halbwüchsigen Kind, das man verschonen und noch ein bisschen weiterschlafen lassen muss – Mutti! –, weil es die volle Wahrheit schlecht verträgt. Dazu gehört ein Verschonungsvokabular, welches durchschimmern lässt, dass die Sprecherin aus einem Pfarrhaus stammt. Im Gegensatz dazu war Schmidt ein knurriger Mann, der das Volk bisweilen, ins Studium der Akten versunken, nicht zu bemerken, von ihm gar nichts zu wissen schien – ehe man ihn aus der Arbeit riss: Ach, ihr seid auch noch da?! Er war der abwesende Vater, immer in Hut und Mantel, der uns beiläufig zuwinkt, weil draußen sein Fahrer wartet, um ihn zu einem nächsten wichtigen Termin zu fahren. Uns aber in seine Agenda einzuweihen, als könnten wir sie begreifen, wäre ihm nicht in den Sinn gekommen. Der Versuch, uns die höheren Zusammenhänge ins Volkssprachliche zu übersetzen, wäre ihm peinlich gewesen. "Wir schaffen das" wäre ihm vermutlich nicht über die Lippen gekommen, er hätte Wege gefunden, seinen Zuschauern mitzuteilen: "Wenn ihr mich jetzt nicht arbeiten lasst, schaffen wir das nicht".

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