Er sitzt nicht hinter seinem Schreibtisch wie sonst. Sein Stuhl steht in der Ecke seines Arbeitszimmers in Hamburg-Langenhorn – für einen Augenblick verrät nur der Rauch der Zigarette seine Anwesenheit. Auf einem kleinen Tisch steht ein Kuchen, den er nicht anrührt. Er trinkt nur den Kaffee, den die Haushälterin gebracht hat.

Wie es ihm gehe? Er sei nicht mehr richtig krank, aber auch nicht richtig gesund, sagt Helmut Schmidt an diesem Oktobernachmittag. Die Ärzte im Krankenhaus ("Sie haben mir ziemlich lange am Bein rumgefummelt") hätten dafür gesorgt, dass er noch etwas Zeit bekommen habe. "Aber die nächste Attacke wird mich umhauen." Ein Zimmer voller Bücher in dunklen Regalen, Architektur, bildende Kunst. Klassische Musik. Alles nach Themen geordnet und beschriftet. Neben seiner Kaffeetasse ein Buch von Otto Klemperer, in dem er geblättert hat. Helmut Schmidt möchte, dass es unten im Regal zurück in die Lücke geschoben wird. Ich komme der Bitte nach.

Er erwähnt den Besuch von Sigmar Gabriel vor wenigen Tagen. Das Schicksal der vielen Flüchtlinge, Syrien, der IS, all diese Themen. Habe er dem SPD-Vorsitzenden etwas raten können? "Nein, konnte ich nicht!" Er klingt fast ein wenig barsch. Dann macht er eine lange Pause. "Ich habe keine Pläne mehr, keine Empfehlungen."

Neben ihm auf der Fensterbank steht ein Schwarz-Weiß-Foto im Silberrahmen. Eine Frau mit langen Haaren, die jung ist und herzlich lacht. "Ich liebe das Foto!", sagt Helmut Schmidt, es zeigt Ruth Loah, seine Lebensgefährtin. Sie wohnt in einem Seniorenheim am Hafen. Ob er überlegt habe, auch dorthin zu ziehen? "Wir haben darüber gesprochen, aber ich habe entschieden: Ich bleibe hier!" Er habe immer Polizisten vor der Tür, wie sollte das gehen?

Dann erhebt er sich, stemmt sich aus seinem Sessel in der Ecke und rangiert seinen Rollator hinter den Schreibtisch. Nein, keine Pläne. "Ich habe überlegt, Schluss zu machen", sagt er plötzlich, ohne dabei hochzuschauen.

"Aber wir brauchen Sie doch!"

Jetzt sitzt Helmut Schmidt hinter seinem Schreibtisch. Das schlohweiße Haar ist noch immer voll wie früher. Er hebt den Kopf: "Beruhigen Sie sich", sagt er, "ich bin ja noch da."

Hanns-Bruno Kammertöns, Leitender Redakteur der ZEIT

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