Eine Jahrhundertgestalt ist gestorben. In nur drei Jahren hätte Helmut Schmidt seinen 100. Geburtstag erlebt, nun haben die Kräfte nicht mehr gereicht.

Die SPD betrauert nach dem Tod von Egon Bahr in kurzer Folge den Verlust eines zweiten prägenden Kopfes ihrer Nachkriegsgeschichte. Die historische Spanne einer Generation mit ihren tief einschneidenden persönlichen Erfahrungen neigt sich dem Ende zu. Eine Generation, die Deutschlands Katastrophen erlebt und den Neuanfang in der Demokratie gestaltet hat.

Helmut Schmidt trug die große Last und Verantwortung der Geschichte. Aber, das ist genauso wichtig, er hatte die Möglichkeit, im Alter von 27 Jahren unversehrt den Neubeginn zu erleben und dann mit schier unglaublicher Kraft mit aufzubauen, was Historiker als "geglückte Demokratie" der Bundesrepublik bezeichnen. Nicht die Verheerungen Europas bestimmten sein Leben, sondern die Lehren daraus. Es war sein Lebensglück, zu diesem Weg eines besseren Deutschlands beitragen zu können. In seinem hanseatischen Understatement bezeichnete er sich als einen "leitenden Angestellten der Bundesrepublik". Doch war er viel mehr, er hat den Neuanfang gelingen lassen. Nicht nur die SPD, nein, Deutschland schuldet ihm großen Dank dafür.

Was unsere Geschichtsbücher füllt, hat auch in meinem Leben Spuren hinterlassen. Als ich 1977 in die SPD eintrat, war Schmidt seit drei Jahren Bundeskanzler. Ich war zu der Zeit Falke, also Mitglied eines eher ungestümen SPD-nahen Jugendverbands. Schmidt war damals entschieden für die Atomenergie, wir Falken waren entschieden dagegen. Er war für die Nato-Nachrüstung – wir natürlich dagegen. Schmidt stand für betont pragmatische Politik – wir träumten vom großen Wurf. Und trotzdem traten viele junge Menschen – auch ich – nicht trotz, sondern wegen ihm in die SPD ein. Warum war das so?

Aus Respekt. Als die jungen Linken sich an Helmut Schmidt zu reiben begannen, hatte er schon Beeindruckendes geleistet. Er hatte krisenfest als Hamburger Innensenator einer Sturmflut getrotzt; er hatte als junger SPD-Bundestagsabgeordneter in den 1950er Jahren die Westbindung der Bundesrepublik unterstützt und als Verteidigungsexperte den Aufbau der Bundeswehr als Parlamentsarmee begleitet. Zugleich war er entschiedener Gegner einer atomaren Bewaffnung des geteilten Deutschlands. Als Brandt Kanzler wurde, diente ihm Schmidt zunächst als Verteidigungsminister. Und es sagt einiges, dass dieser Minister das Leitbild des Staatsbürgers in Uniform durchsetzte, von jedem Soldaten einen eigenen Kopf erwartete und per "Haarerlass" gleich auch Bart und Mähne darauf zuließ. Pflichterfüllung forderte er. Aber preußischer Drill und Duckmäusertum waren ihm ein Gräuel.

Schmidt war hanseatisch liberal. Er war Demokrat mit jeder Faser. Er war streitbar, polemisch und kampfeslustig, dabei aber immer argumentierend. Kein anderer Politiker konnte schlechte Argumente so erbarmungslos sezieren wie er, kein anderer seine eigene Position – gerade dort, wo sie vom je aktuellen Mainstream abwich – so präzise begründen. Das machte die Auseinandersetzung mit ihm für junge Protestlinke in den 1970er Jahren anstrengend. Aber es wuchs auch Wertschätzung. Und sosehr er nach seinem Ausscheiden aus dem Kanzleramt auch nach dreißig Jahren noch darüber grollen konnte, dass ihm seine Partei beim Nato-Doppelbeschlusses die Gefolgschaft verweigert hatte, so sehr genoss er es, wenn wir damals Jüngeren ihm nun auf die in praktisch jedem längeren Gespräch irgendwann auftauchende Frage "Du hast doch damals auch gegen mich gestimmt, stimmt’s?" antworteten: "Ja, Helmut. Aber du hattest recht und wir nicht."

Helmut Schmidt und die SPD – das war über ein Jahrzehnt lang ein konfliktgeladenes Verhältnis. Er strebte nie das Amt des Parteivorsitzenden an, in das er wohl gewählt worden wäre. Ihm selbst war klar, dass er den Genossen mit einem gegenüber der aufrüstenden Sowjetunion illusionslosen, mit einem sozialpolitisch realistischen, mit einem wirtschaftsfreundlichen Kurs viel zumutete. Das waren nicht die Stichworte, die Ende der 1970er Jahre viel Beifall fanden.

Schmidt machte fraglos auch Fehler. Dazu gehörte, dass er die Umweltbewegung unterschätzte. Aber er lag richtig darin, die industrielle Stärke unseres Landes nicht preiszugeben und darauf zu bauen, dass Industrie und Sozialpartnerschaft auch die Verbesserung der Lebensverhältnisse für die große Zahl von Arbeitnehmern bringt. Das war gemeint, als er mit dem Slogan "Modell Deutschland" 1976 seinen ersten erfolgreichen Wahlkampf bestritt.