Das Besondere seiner Anwesenheit (meist ein Geschenk, manchmal auch eine Heimsuchung) war Alltag für uns: Den Kopf geneigt, die Augen geschlossen, in der Hand jene merkwürdig femininen Mentholzigaretten, so saß Helmut Schmidt freitagmittags um 12 Uhr da, während um ihn herum ein Dutzend Politikredakteure, ein Herausgeber, ein Editor-at-Large, zuweilen der Chefredakteur sowie dessen Stellvertreter über die Weltlage und die Themen der nächsten Ausgabe diskutierten.

Man konnte zunächst glauben, was die Journalisten da vortrugen, interessiere ihn nicht sonderlich und sei für ihn vertane Zeit. Dabei gab es in dieser wöchentlichen Runde keinen kontinuierlicheren, keinen treueren, keinen aufmerksameren Teilnehmer als Helmut Schmidt. Und keinen, der sich öfter als er mit Lob und Kritik in die Debatte eingemischt hätte. Wobei Kritik nicht das richtige Wort ist, eher: Tadel.

Wir, die Autoren dieses Artikels, können das bezeugen, denn etwa tausend Mal haben wir diese Freitagskonferenz mit Helmut Schmidt geleitet. Nur selten blieb sein Stuhl leer, war er verhindert, ließ er dies umgehend mitteilen.

Für jüngere Redakteure – und wir waren alle jünger als er – waren diese Sitzungen mit Schmidt immer wieder Lehrstunde in deutscher Geschichte, was, nebenbei gesagt, eine gute Übung ist für Journalisten, die selbst so gern welterklären. Schmidt war: Weltkriegssoldat, Innensenator, Finanz- und Verteidigungsminister, Kanzler, Weltpolitiker, Herausgeber der ZEIT – das hieß nicht nur viel Leben, sondern auch dichtes Leben, gewichtiges Leben. Außer Schmidt gab es zuletzt niemanden mehr, dessen Lebensspanne fast das gesamte vergangene Jahrhundert umfasste, mit all seinem Horror, den Umbrüchen und Neuanfängen. Niemanden, der einen so übergroßen politischen Erfahrungsschatz besaß, niemanden, der so viele folgenreiche Entscheidungen getroffen hätte wie dieser Mann.

Keiner weiß, warum: Aber von 1983 an wurde das politische Spitzenpersonal immer schwächer

Am wohlsten fühlte sich Schmidt, wenn er mit Journalisten diskutierte, die wie er die Umwälzungen des 20. Jahrhunderts miterlebt hatten und in denselben politischen Machtkategorien dachten. Die selber einst in einer Regierung gedient hatten oder wenigstens aufs Engste Kontakt zu Premiers und Präsidenten hielten. "Was hat der Schröder, was hat der Kissinger euch erzählt?", war eine beliebte Frage. Die Freitagsrunde war manchmal eine Art Kabinettsersatz. Glücklicherweise "regierten" wir aber bloß über die zehn bis zwölf Zeitungsseiten des Ressorts Politik.

Dennoch suchte Schmidt auch immer wieder die Begegnung mit jüngeren ZEIT-Kollegen, die mit ganz anderen Augen auf Politik und Politiker blickten. Ärgerlich grummelte er manchmal, was er eben gehört habe, sei doch wieder nur "sinnloses Psychologisieren" und "dummes Journalistengeschwätz". "Nichts, aber auch gar nichts" trüge das zur "Lösung der wirklich wichtigen Probleme dieser Welt bei". Er konnte aber auch überraschende Attacken gegen die anderen Alten reiten: "Unterbrecht den jungen Kollegen nicht ständig. Auch wenn ich ganz anderer Ansicht bin, er hat da gerade etwas Interessantes erzählt." So etwa in der hitzigen Debatte über die Beteiligung der Bundeswehr am Kosovokrieg oder über das Asylrecht. Mit ihm wurde die ganze Welt zum Thema, zuweilen verblüffte er mit der Frage: "Wird Kamtschatka in zwanzig Jahren russisch oder chinesisch sein?" Tja, wer weiß das schon?!

Er war zum Davonlaufen autoritär. Und zum In-den-Arm-Nehmen charmant

Ein Lieblingsthema Helmut Schmidts war der mögliche EU-Beitritt der Türkei, den er für völlig falsch hielt, auch den Familiennachzug für Türken in Deutschland, den er als Kanzler selbst zu verantworten hatte, bedauerte er im Nachhinein. Das sagte er immer wieder, bis er bemerkte, dass die Türkei in Gestalt der Redakteurin Özlem Topçu neben ihm saß. Er stutzte dann, hielt inne, variierte sein Argument, und fing an, sie zu fragen. Auch sein großes Verständnis für Russland nahm sich im Angesicht der immer deutlicher widersprechenden, polnisch-stämmigen Alice Bota mit der Zeit anders aus. Auch für ihn selbst.