DIE ZEIT: Durch die Einigung in den Atomverhandlungen wird die Islamische Republik Iran plötzlich zum begehrten Wirtschaftspartner. Was bedeutet das für die Hochschulzusammenarbeit?

Alexander Haridi: Das Interesse am Iran boomt. Nicht nur Wirtschaftsdelegationen geben sich in Teheran die Klinke in die Hand, auch Wissenschaftler und Akademiker kommen verstärkt. Es wird einen Wettbewerb um Kooperationen, gute Studierende und Kontakte zur Führungselite geben; unter EU-Ländern, Japan, Südkorea und sogar den USA. Deutschland hat dabei einen Startvorteil aufgrund der auch in der Krise gepflegten guten Beziehungen. So konferierte gerade unsere Generalsekretärin in Teheran mit 150 iranischen Deutschland-Alumni, unsere Präsidentin begleitete Außenminister Steinmeier zu einem Gespräch mit Studenten an der Universität Teheran.

ZEIT: Der DAAD hat bereits seit vergangenem Jahr wieder ein Informationszentrum in Teheran. Sind die Zeiten, in denen westliche Akademiker als Spione betrachtet wurden, endgültig vorbei?

Haridi: Bis 2008 hatten wir ein Büro in Teheran und Lektorate in Isfahan. Das damalige Regime unter Ahmadinedschad wollte dann keine ausländischen Wissenschaftler mehr im Uni-Betrieb, Professoren wurden eingeschüchtert. Gegen den DAAD und andere westliche Kulturinstitute wurden Spionagevorwürfe erhoben. Unterhalb des politischen Radars, mit den Studierenden und Hochschullehrern, lief der Austausch weiter, aber wir hatten kein Personal im Land und durften nicht offiziell Flagge zeigen. Diese Zeiten sind wohl vorerst vorbei.

ZEIT: Wer gibt an den Universitäten nun den Ton an, Reformer oder Hardliner?

Haridi: Ahmadinedschad hatte seine Leute vor allem im Mittelbau eingesetzt, dort Planstellen geschaffen, um eine Islamisierung der Universitäten in Gang zu setzen. Die sind verbeamtet, die kann man auch im Iran nicht rauswerfen. Es ist jetzt so: In den Führungspositionen haben die Reformer die Oberhand, aber im Mittelbau können sie sich nicht durchsetzen. Misstrauen gehört zum Alltag.

ZEIT: Was heißt das für die Autonomie der Hochschulen?

Haridi: Offiziell stehen die Hochschulen unter der Fachaufsicht des Wissenschaftsministeriums. Das Amt des Uni-Präsidenten ist aber auch eine politische Position, die Besetzung des Rektorenpostens der Universität Teheran wird im Parlament diskutiert. Die Leine des Regimes ist kurz, wenn Loyalitätsfragen zum Regime betroffen sind. Die Vertreter des Revolutionsführers Khamenei haben ihr Büro meist gegenüber vom Uni-Präsidenten.

ZEIT: Was erwartet deutsche Studenten, die für ein Auslandssemester in den Iran gehen?

Haridi: Enorme Bürokratie. Egal, ob es um die Zimmersuche oder um Studentenausweise geht. Die Hochschulen sind noch nicht auf westliche Gaststudenten eingestellt, auch wenn der politische Wille vorhanden ist. Es gibt keine institutionelle Willkommenskultur – aber dafür eine große Herzlichkeit bei den Menschen!

ZEIT: Wem würden Sie ein Auslandssemester im Iran empfehlen?

Haridi: Allen, die sich aus fachlichen Gründen für den Mittleren Osten interessieren, also Politik- und Kulturwissenschaftlern mit regionalem Schwerpunkt. Aber auch Ingenieure, Mediziner und Künstler können attraktive Angebote an iranischen Hochschulen finden.

ZEIT: Wie ist es um die Qualität des Hochschulsystems insgesamt bestellt?

Haridi: Der Iran hat ein sehr leistungsorientiertes, transparentes Bildungssystem, es gibt ein nationales Abitur und zentrale Aufnahmeprüfungen für die Universitäten. Die besten Hochschulen sind die staatlichen, sie haben sehr strenge Studienplatzbeschränkungen und nehmen nur die zehn besten Prozent eines Jahrgangs auf.