Unter dem schwarzen T-Shirt zeichnet sich die Muskulatur der Oberarme ab, das Gesicht ist gebräunt. Joachim Löw steht in einer kleinen Lounge in der Münchner Allianz-Arena, an diesem Spätsommerabend Ende August 2014 eröffnen die Bayern die neue Saison gegen den VfL Wolfsburg. Löw erzählt vom Urlaub, am Morgen ist er in der Sonne im Schwarzwald gejoggt. Der Trainer lächelt. Die Finger der linken, seiner Schreibhand, umfassen eine Espresso-Tasse, die rechte liegt ruhig daneben.

Es ist ein entspannter Augenblick, er will ihn genießen. Wären da nicht all die Menschen, die sich im Rudel um ihn aufgebaut haben, viele von ihnen mit Trikots gekleidet. Um fünf Minuten Geduld bittet er jeden von ihnen. Fünf Minuten scheinen eine Ewigkeit für erwachsene Männer zu sein, die sich nach einem Foto mit dem Bundestrainer sehnen. "Komm schon, Jogi, wir stoßen auf den Titel an", haucht einer von ihnen und hält Löw einen Schnaps unter die Nase. Der lehnt dankend ab – und ergibt sich der Selfie-Meute. Klick. Klick. Klick. "Weltmeisterlich", jauchzen die Hobbyfotografen. Mit jedem Foto gehört ihnen der Jogi noch ein bisschen mehr.

40 Tage sind seit dem Triumph in Rio vergangen. Bayern gewinnt die Auftaktpartie, der fünffache WM-Torschütze Thomas Müller trifft munter weiter, als wäre alles wie immer. Ist es das? Kann nach dem größtmöglichen Triumph im Weltfußball für die Hauptdarsteller alles so weitergehen wie zuvor?

Löw ist nicht Franz Beckenbauer – deshalb hat er sich entschieden weiterzumachen

Thomas Müller bleibt gar nichts anderes übrig. Mit 25 Jahren ist er in der besten Phase seines Fußballerlebens. Und Joachim Löw? Das Leben des 55-Jährigen wird nun seit fast 40 Jahren vom Profifußball bestimmt; er war Spieler, Vereinstrainer und Nationalcoach. Er wurde befördert, umjubelt, kritisiert, fallen gelassen, stand langsam wieder auf und ist nun ganz oben angekommen.

Vor der WM sagte Löw, bis dahin ohne Turniersieg als Nationaltrainer, Titel seien das Wichtigste, nur diese verschafften "vollkommene Zufriedenheit". Wenn das so ist, dann müsste er an dem Abend in der kleinen Lounge verdammt glücklich sein. Und wenn man das weiterdenkt und davon ausgeht, dass Glück und Zufriedenheit das Maß aller Dinge im Leben sind, dann sollte er wohl besser aufhören nach dem WM-Sieg. Denn vollkommen ist nicht steigerungsfähig. Das wusste schon Franz Beckenbauer, der das Amt des Nationaltrainers nach dem Titelgewinn 1990 lieber aufgab, um sich neuen Herausforderungen zu stellen und so der ewige Weltmeistertrainer zu bleiben.

Joachim Löw ist aber nicht Franz Beckenbauer, er hat sich entschieden weiterzumachen. Die Sache mit dem Glück und der Zufriedenheit ist nämlich doch ein bisschen komplizierter.

Die deutsche Mannschaft hat sich mittlerweile für die Europameisterschaft 2016 in Frankreich qualifiziert, von ihrer Siegermentalität bei der WM in Brasilien ist nicht viel zu spüren. An diesem Freitag trifft das DFB-Team auf Frankreich, nächste Woche folgt eine Partie gegen die Niederlande, beides sind Freundschaftsspiele. Löw weiß, dass den Kritikern Freundschaft bei der Analyse des Spiels egal ist. Sie werden über ihn herfallen, wenn er das Feuer nicht wieder entfacht. So ist das nun mal im Fußball.

Seit dem Treffen in der Allianz-Arena ist mehr als ein Jahr vergangen. Von Löw wird jetzt erwartet, dass er die Spieler der Nationalmannschaft wiedererweckt. Kapitän Philipp Lahm ist zurückgetreten, neue, junge Kräfte wie der Frankfurter Emre Can, derzeit beim FC Liverpool unter Vertrag, brauchen die Führung des Bundestrainers, eines Mannes, an dem beim DFB jetzt alles hängt.

Was hat der Glanz des WM-Titels mit Joachim Löw gemacht, der letzten Leitfigur, die dem DFB seit dem Bekanntwerden der Affäre um die Vergabe der WM 2006 und dem daraus resultierenden Rücktritt des Präsidenten Wolfgang Niersbach geblieben ist? Wie hat der Regisseur den Erfolg verarbeitet? Findet er den richtigen Weg in der größten Krise, die den Verband jemals erschüttert hat?

Menschen, die ihn gut kennen, sagen, die nächsten Monate würden die schwierigsten in der Karriere Joachim Löws. Sollte es ihm nicht gelingen, den EM-Titel zu gewinnen, werde er infrage gestellt wie nie zuvor. Er hat bewiesen, dass er eine hungrige Mannschaft zum Erfolg führen kann. Aber verfügt er auch über die notwendige mentale Widerstandskraft in Krisensituationen?