Am Vorabend stand Joachim Meyerhoff noch auf der Bühne und brachte im Stück "Die Schule der Frauen" das Schauspielhaus zum Ausflippen. Am Morgen danach sitzt er im menschenleeren Marmorsaal und spricht so schnell, als hätte ihn die Euphorie noch immer im Griff. Meyerhoff hat gerade seinen dritten Roman geschrieben, eine todkomische Autobiografie, die aber keine sein soll. Wenn er über den Protagonisten spricht, sagt er deshalb manchmal "ich" und oft "er". Als endgültig unklar ist, wer eigentlich dieser verlorene junge Mann ist, der da in München zwischen Schauspielschule und Großelternhaus zerrieben wurde, springt Meyerhoff auf und zeigt, wie er damals gelernt hat, "mit den Brustwarzen zu lächeln".

Joachim Meyerhoff: Es ist erstaunlich. Ich mag das gerne, interviewt zu werden. Man erfährt immer viel über das, was man eigentlich geschrieben hat. Also wie andere den Text wahrnehmen.

DIE ZEIT: Unsere erste Wahrnehmung: Sie sind der geborene Verlierer. Ihr neues Buch spielt in zwei Welten – in der Schauspielschule in München und im Haus Ihrer Großeltern, wo Sie damals wohnten. In beiden Welten kriegen Sie nichts auf die Reihe.

Meyerhoff: Damals hätte ich das wohl so bestätigt. Heute würde ich fragen: Was sind die Kriterien für einen geborenen Verlierer? Ein Verlierer wird dem nicht gerecht, was von ihm verlangt wird. Jetzt muss man darüber reden, ob das, was verlangt wird, wirklich sinnvoll ist. Auf der Schauspielschule sollte ich ein Nilpferd nachstellen, das Fontane rezitiert. Daran bin ich gescheitert. Ist das wirklich gesellschaftlich so groß, dass man von "Verlierer" sprechen kann?

ZEIT: Das Motiv zieht sich durch. Man liest die Szene von Ihnen beim Schwarzfahren und weiß schon vorher: Der wird erwischt.

Meyerhoff: Klar. Aber geborener Verlierer, das ist mir zu stark. Er ist ein nimmermüder Strauchler. Er hört nicht auf zu straucheln – und wieder aufzustehen.

ZEIT: Weil alle seine Träume eine Nummer zu groß sind?

Meyerhoff: Ja. Er will so viel: Er will Schauspieler werden, er will Medizin studieren, er will Basketballprofi werden. Und dadurch, dass diese Sehnsüchte so ein hohes Tempo haben, stolpert er. Aber gleichzeitig schafft er ja auch viel: Er schafft es auf die Schauspielschule. Er schafft es hinterher irgendwie, ein Erstengagement zu bekommen. Und auch im Großelternhaus ist er eine Bereicherung.

ZEIT: Wenn es um die Familie geht, ist er immer da, trotz aller Brüche. Er begleitet sogar seine Großeltern bis in den Tod.

Meyerhoff: Ja, da ist er mal ganz in seinem Tempo. Er sagt ja auch in diesem Sterbezimmer, dass dort so eine eindeutige Ernsthaftigkeit herrscht. Und die lässt ihn ganz anwesend sein, ganz eins mit sich.

ZEIT: Darum ringt Ihr Protagonist ja sonst ständig: eins mit sich zu sein.

Meyerhoff: Schrecklich, dieser Harmonieterror, dass man immer eins mit sich sein soll! Ich hab noch wenige Menschen getroffen, die ich interessant fand und die von sich sagen: "Also ich bin total eins mit mir." Aber auf der Schauspielschule soll man das auf einmal sein. Eins der Schauspieler-Folterinstrumente ist der Satz: "Du bist nicht in der Situation, du bist nicht eins mit dir."

ZEIT: Die Otto Falckenberg Schule in München, die Sie besucht haben, ist eine der renommiertesten Schauspielschulen Deutschlands. Sie haben sie als Folter erlebt?

Meyerhoff: Nein! Das Buch ist keine Abrechnung mit der Schule. Der Protagonist wollte ja gerne, er hätte ja gerne. Aber er war durch den Tod seines Bruders in einem furchtbaren Kummerzustand. Und dann, genau als er an der Schule dachte: "Jetzt kann ich Rollen spielen, ein anderer sein", sagte man ihm: "Nee! Erst mal bohren wir in dir." Das hat zum Zusammenbruch geführt.

ZEIT: Neben der absurden Welt der Schauspielschule beschreiben Sie die auf andere Art ebenfalls absurde Welt Ihres Großelternhauses. Was ist Ihre liebste Großeltern-Geschichte?

Meyerhoff: Es ist schon saulustig, diese Diskrepanz zwischen der Schauspielschule und den Großeltern. Wenn ich zum Beispiel aus der Schule erzähle: "Ich musste mit den Brustwarzen lächeln", und mein Großvater, ein Philosophieprofessor, nur sagt: "So einen Blödsinn hab ich in meinem Leben noch nie gehört." Aber, weil das Buch ja auch immer davon handelt, wie sehr ich meine Großeltern verehre, würde ich viel lieber über mein Lieblingsgefühl mit den beiden sprechen als über meine Lieblingsgeschichte.

ZEIT: Okay, was war Ihr Lieblingsgefühl?

Meyerhoff: Das war, einfach nur dazusitzen und mit den Großeltern Whisky zu trinken. Dafür würde ich alles geben: für dieses Gefühl absoluter Geborgenheit.