Es wird jetzt schon wieder ein Fall mehr zu dieser erschreckenden Zahl der vergangenen Jahre addiert; zu den fünf Kindern, die in dieser Zeit in Hamburg durch ihre eigenen Eltern getötet worden sind: Michelle, Jessica, Chantal, Lara-Mia, Yagmur. Und jetzt Maximilian? Vielleicht. Es ist noch zu früh, sein Schicksal in diese Reihe aufzunehmen. Noch ist nicht sicher, ob der fünf Monate alte Säugling am vergangenen Samstag durch einen tragischen Unfall starb – oder durch die Absicht seiner Mutter. Die Staatsanwaltschaft wirft der 28-jährigen Jasmina U. bedingten Vorsatz vor. Sie schweigt.

Am Samstag gegen 20 Uhr soll Jasmina U. ihren Sohn ins Bett gebracht haben. Das Kind schrie anhaltend. Bis die Mutter, so schilderte sie es zunächst der Polizei, ihm zwei Decken über den Kopf zog und das Zimmer verließ.

Als sie kurz darauf zurückkam, atmete Maximilian nicht mehr. Nach den vorläufigen Obduktionsergebnissen ist er erstickt. Ein Unfall? Ein vorsätzliches Verbrechen?

Bislang war den Behörden eine Überforderung Jasmina U.s mit ihrem Kind jedenfalls nicht aufgefallen. Das Jugendamt soll nur einmal aufgrund von Beziehungsproblemen zwischen Jasmina U. und dem Vater ihres Kindes mit der Familie in Kontakt gestanden haben. Die beiden sollen seit zwei Jahren ein Paar sein. Zum Zeitpunkt von Maximilians Tod war der Vater nicht zu Hause. Die Wohnung wurde von Rettungskräften und Ermittlern als gepflegt beschrieben.

Es war Jasmina U., die den Notarzt in das Mehrfamilienhaus an der Harburger Gaiserstraße gerufen hatte, doch der konnte nichts mehr tun. Die Mutter wurde noch am gleichen Abend vorläufig festgenommen. Ihr wird vorgeworfen, den Tod ihres Kindes billigend in Kauf genommen zu haben. Schon wieder so ein Fall?

Von Anfang an hatten die Ermittler betont, ein Fremdverschulden an Maximilians Tod sei nicht auszuschließen. Von Anfang an stand aber auch fest, dass der tragische Fall in eine Zeit fällt, in der Hamburgs Behörden zu Recht nervös sind.

Erst vor einem Jahr, im November 2014, wurde Melek Y. wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt, weil sie ihre dreijährige Tochter Yagmur grausam zu Tode misshandelt hatte. Die Revision, die die 27-Jährige gegen dieses Urteil einlegte, wurde vor zwei Wochen vom Bundesgerichtshof als offensichtlich unbegründet verworfen. Das Urteil ist damit rechtskräftig.

Das ist noch nicht alles. Vor dem Landgericht Hamburg muss sich seit vergangener Woche der 26-jährige Sascha K. wegen Misshandlung Schutzbefohlener, schwerer Körperverletzung und Verletzung der Fürsorgepflicht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, seinen Sohn Jamie-Dean Ende April brutal geschlagen und geschüttelt zu haben. Das inzwischen neun Monate alte Kind ist infolge der Misshandlungen geistig behindert, blind und taub und wird vermutlich niemals allein schlucken können.

Sascha K. streitet die Vorwürfe vor Gericht nicht ab. Er soll schon auf der Neugeborenenstation, da war Jamie-Dean erst wenige Tage alt, so ausgerastet sein, dass der Sozialdienst das Jugendamt informierte. Fortan wussten die Behörden um die Eltern aus Finkenwerder, die sich im Entzug kennengelernt hatten und die sich so heftig stritten und prügelten, dass Nachbarn die Polizei in die verdreckte Wohnung riefen. Die mögliche Kindeswohlgefährdung, die die Polizisten damals meldeten, sahen die zuständigen Behörden aber nicht.

Jamie-Dean blieb bei seinen Eltern – bis zu jenem Abend des 28. April, als Sascha K. betrunken das schlafende Kind aus dem Bett nahm. Offenbar, weil es quengelte, soll er ihm Schläge auf den Kopf versetzt haben. Am nächsten Morgen, so die Staatsanwaltschaft, soll der Vater erneut ins Kinderzimmer gegangen sein und Jamie-Dean heftig geschüttelt haben. Dann kam der Notarzt.

Jamie-Deans Mutter wollte am Dienstag vor Gericht nicht gegen den Vater aussagen. Sie berief sich auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht. An diesem Donnerstag soll der Prozess fortgesetzt werden.