Lieber Caspar David Friedrich,

Sie werden sich jetzt wahrscheinlich ungläubig die Augen reiben dort oben auf einer jener Wolken, die Sie so schwebend, so duftig und doch so lebendig gemalt haben. Wenn Sie vor 200 Jahren in Dresden den Himmel über Ihren Landschaften vollendeten, dann durfte man Sie nicht stören, Ihre Frau musste alle Besucher abweisen, denn Sie hatten erklärt: Himmelmalen ist Gottesdienst. Sie haben, wie mir scheint, den Himmel immer gesiezt, anders als Ihre genialen Künstlerfreunde in Dresden, die ihn zu duzen begannen. Sie verstehen deshalb sicherlich, dass das Siezen in einem Liebesbrief ein besonderes Zeichen der Zuwendung ist.

Und Sie konnten ja lieben, Verehrter! Ihre Frau natürlich. Dann die Ostsee, von der Sie kamen, und schließlich Dresden, wo Sie so glücklich gestrandet sind. Na ja, glücklich ist was anderes. Aber sagen wir es so: Sie haben aus Ihrer bodenlosen Melancholie heraus Bilder geschaffen, die uns bis heute von der schmerzhaft schönen Sehnsucht nach dem Glück erzählen. Ja, wir wissen heute, dass Sie der größte deutsche Romantiker gewesen sind. Aber ich will Ihnen lieber endlich sagen, warum ich Ihnen diesen Liebesbrief schreibe. Wegen Goethe. Diesem Goethe nämlich schrieb Caroline Bardua, Ihrer beider Freundin, im Jahre 1809: "Dieser Friedrich ist auch so verliebt in Sie, daß er nichts sehnlicher wünscht, als nur einmal Sie von Angesicht zu Angesicht zu sehn." Und dann besucht er Sie im Atelier, Sie beginnen einander zu schreiben, Sie umkreisen sich.

Schließlich bittet der Verehrte Sie sogar um einen großen Gefallen: Goethe, gerade der wissenschaftlichen Wolkenerforschung verfallen, bestellt bei Ihnen Ölbilder der drei verschiedenen Wolkengattungen. Und Sie, verehrter Caspar David Friedrich, sagen einfach Nein. Weil für Sie das Malen des Himmels etwas so Natürliches wie Heiliges zugleich war. Und weil Sie wussten, wie Sie nach Weimar übermitteln ließen, dass Kunst nicht dazu da ist, wissenschaftliche Ordnungsgefüge zu illustrieren. Sie haben damit nicht nur gezeigt, wie himmelernst es Ihnen mit Ihrer Kunst war – sondern Sie haben mir auch gezeigt, was mich bis heute rasend macht bei Goethe: Wie er den Farben, den Gefühlen, den Gesteinen, den Wolken durch seine Sehnsucht nach Ordnung immer die Schaumkronen ihres Zaubers nimmt.

Florian Illies ist Kunsthändler, Journalist und Buchautor. Er lebt in Berlin.