DIE ZEIT: Der Versailler Vertrag gilt gemeinhin als Debakel. Die Siegermächte, heißt es, hätten nach dem Ersten Weltkrieg Rachebedürfnisse genährt und ihre Prinzipien verraten, statt Frieden zu stiften. Frau MacMillan, Sie wollen dieses Bild korrigieren. Also: Was haben die "Großen Vier" in Paris richtig gemacht?

Margaret MacMillan: Eines vorweg: Es war 1919 unmöglich, einen Frieden zu schließen, der alle zufriedenstellt. Gleichwohl haben US-Präsident Woodrow Wilson und die Premierminister von Frankreich, England und Italien Großes vollbracht. Sie haben Grenzen gezogen für etliche neue oder wiedererstehende Staaten wie Polen, die aus den zerfallenden Vielvölkerreichen hervorgingen – eine enorme Aufgabe! Und vor allem: Sie haben den Völkerbund geschaffen ...

ZEIT: ... dem die USA selbst nicht beitraten und der bald bedeutungslos wurde ...

MacMillan: ... der aber dennoch ein wichtiger Schritt war in Richtung internationaler Kooperation. Auch brachten die Siegermächte die ehemaligen deutschen Kolonien unter das Mandat des Bundes, was eine deutliche Verbesserung für die dortigen Bevölkerungen darstellte.

ZEIT: Die Friedensmacher heißt Ihre große Darstellung der Pariser Verhandlungen, die nun auch auf Deutsch erschienen ist. Der Titel dürfte manchen irritieren. Wurde denn wirklich Frieden gemacht oder nur neuem Unfrieden der Boden bereitet?

MacMillan: Dass der Versailler Vertrag eine Ursache des Zweiten Weltkriegs gewesen sei, ist eine beliebte Legende. Doch die Konflikte, die nach 1919 ausbrachen, waren sehr viel älteren Ursprungs. Der Boden war längst bereitet! Dass sich die Deutschen so sehr über den Vertrag empörten, lag vor allem daran, dass sie sich ihre Niederlage im Ersten Weltkrieg nicht eingestehen wollten. Stattdessen setzte sich der Glaube durch, man sei "im Felde unbesiegt" geblieben und habe nur aufgrund des Verrats durch "innere Feinde" den Krieg verloren. Ich bin überzeugt: Die Deutschen hätten 1919 jeden Vertrag ungerecht gefunden, der sie zur Rechenschaft gezogen hätte.

ZEIT: Der größere Fehler der Alliierten war es also, das Land nicht besetzt und den Deutschen ihre Niederlage vor Augen geführt zu haben?

MacMillan: Ja, viele betrachteten das im Nachhinein als Fehler. 1945 machte man es dann anders und forderte die bedingungslose Kapitulation.

ZEIT: Die "Friedensmacher", lautet eine Ihrer Thesen, seien längst nicht so mächtig gewesen, wie man oft annehme. Da kommen die wichtigsten Staatsmänner der Welt zusammen – und haben keinen maßgeblichen Einfluss?

MacMillan: Großmächte sind selten so machtvoll, wie sie es gern hätten. Die USA erfuhren das unter anderem in Vietnam. 1919 herrschte zudem in allen Staaten großer Druck, endlich zu demobilisieren. Die Soldaten wollten nach Hause; die Kosten waren enorm. Die Alliierten hatten den Krieg gewonnen, aber sie waren kaum mehr in der Lage und willens, ihn weiterzuführen. Sie wussten: Ihre Macht schwindet. Darum hatte man im Juni 1919 auch große Sorge, die Deutschen könnten womöglich nicht unterzeichnen. Denn das hätte eine militärische Invasion nötig gemacht.