In den letzten Jahren wurden unzählige Initiativen gegründet, um Schüler und Studenten für Mint-Fächer zu begeistern – für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik; Fächer, bei denen das Interesse sonst eher lahmt. Es wurden Broschüren gedruckt, Kampagnen gestartet, Kongresse veranstaltet. Stichworte wie "Wettbewerbsfähigkeit" oder "Bedarfslücke" spielten da eine große Rolle. Nicht weniger als unser Wohlstand, unsere gesamtgesellschaftliche Zufriedenheit hänge davon ab, dass der Mangel an Mint-Interessenten beseitigt werde. Doch wie es aussieht, haben all diese Initiativen nichts gebracht.

Das MINT Nachwuchsbarometer 2015, das der ZEIT exklusiv vorliegt, deutet an, dass sich die Lage weiter verschlechtert. Die Studie, gemeinsam erarbeitet von der Körber-Stiftung und der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech), zeigt insbesondere zwei Probleme: einen Rückgang an Azubis in Mint-Ausbildungsberufen und einen sich weiter verschärfenden Lehrermangel in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern.

Zwischen 2003 und 2013 sank die Zahl der Mint-Azubis um acht Prozent. "Das, was wir an den Hochschulen gewinnen, verlieren wir in den Ausbildungsberufen. Es ist ein Nullsummenspiel", sagt Ortwin Renn, wissenschaftlicher Leiter der Studie. Und während die Azubi-Zahlen sinken, steigt der Bedarf an Mint-Fachkräften: von aktuell benötigten 247.500 jährlich auf 292.000 ab dem Jahr 2023. Die aktuellsten Zahlen im Nachwuchsbarometer zeigen: Derzeit werden pro Jahr nur 156.000 Mint-Fachkräfte ausgebildet.

Berufe wie Industriemechaniker, Metallbauer oder Elektroniker haben ein Imageproblem. Rund 71 Prozent der Jugendlichen können sich keine technische Ausbildung vorstellen. Sie glauben, die Arbeit in diesen Berufen sei schmutzig, kalt, gefährlich und ohne viel Kontakt zu Menschen. Dabei widersprechen die realen Erfahrungen von Azubis in Mint-Berufen solchen Vorurteilen. "Offenbar läuft bei der Berufsorientierung der Jugendlichen ziemlich viel falsch", sagt Matthias Mayer von der Körber-Stiftung. Die Schüler kämen kaum in die Situation, eigene Erfahrungen zu machen – etwa durch Praktika in den entsprechenden Branchen. "Dabei ist Praxiserfahrung die wichtigste Entscheidungshilfe für einen technischen Beruf", sagt Mayer. Laut Nachwuchsbarometer geben 63 Prozent der Mint-Azubis an, dass ein Praktikum ein Grund für die Wahl der Ausbildung gewesen sei.

Die Frage bleibt, wer mehr Begeisterung für Mint unter den Jugendlichen wecken kann, wenn in den nächsten Jahren der Lehrermangel in den technischen und naturwissenschaftlichen Fächern steigt. "Es ist ein Stück weit ein Teufelskreis", sagt Mayer – und empfiehlt, ungewöhnliche Wege zu gehen: Studenten, die ein technisches oder naturwissenschaftliches Interesse haben, aber an der hohen Mathematik scheitern, sollten für ein Lehramtsstudium begeistert werden. Ein bisschen nach dem Motto: Interesse an Physik, aber für ein Studium zu schlecht in Mathe? Dann werd doch Physiklehrer!