* 25. 12. 1923 - † 4. 11. 2015

Was weckte stets den größten Zweifel an René Girards Theorie? Der Umstand, dass sie perfekt funktionierte. Mit Girards Netzen machte man im Meer der Phänomene den größten Fang. Die archaischen Religionen, die griechische Tragödie, die heiligen Schriften, die unheiligen Kreuzzüge, der Konkurrenzkapitalismus, der Kalte Krieg, der Zerfall des Nahen Ostens – seine Kulturanthropologie ist ein Alleserklärer. Aber auch in der Literatur passt sein Deutungsschlüssel, bei Shakespeare, Hölderlin, Flaubert, Stendhal oder Proust. René Girard, so rühmte der französische Philosoph Michel Serres, habe eine Jahrhunderttheorie aufgestellt. Er sei "der Darwin der Humanwissenschaften".

Falsch war das nicht. Tatsächlich wollte der französisch-amerikanische Kulturanthropologe die Konfliktgeschichte der Zivilisation erklären, er wollte zeigen, warum sich unter Menschen eine bestimmte Urszene immer wiederholt und aus winzigen Rivalitäten explosive Gewalt entsteht. Girards Ausgangsthese war dabei verführerisch schlicht und lautete: Der Mensch lernt durch Nachahmung, er liebt durch Nachahmung, und vor allem – er tötet durch Nachahmung. Wo immer Menschen zusammenkommen, lauert die mimetische Rivalität, die Nachahmung der Gewalt. Sie geht bis zum Äußersten, bis zum "Krieg aller gegen alle".

In seinen frühen Werken beschrieb Girard, wie archaische Gesellschaften Schutztechniken entwickeln, um Konkurrenzkonflikte einzudämmen und Gewalt zu beenden: Sie suchen einen Sündenbock und machen ihn für alles verantwortlich. Mit der Tötung des Sündenbocks schlägt dann das "Alle gegen alle" um in das "Alle gegen einen" – und es herrscht Frieden. Danach allerdings geschieht etwas Merkwürdiges. Das Opfer des Lynchmords wird zum neuen Stammesgott verklärt, es wird "divinisiert". Dieser Gott, schrieb Girard in seinem Buch Das Heilige und die Gewalt (1972), ist die reine Ambiguität: Er ist Fluch und Segen, sowohl absolut böse als auch absolut gut – erst brachte er die Krise, dann den Frieden.

Archaische Religionen durchschauen ihre Grausamkeit nicht und verkennen, dass die Stabilität der Gemeinschaft auf der Opferung Unschuldiger beruht. Voller Bewunderung war Girard deshalb für das Juden- und das Christentum. Sie wechseln radikal die Perspektive und nehmen Partei nicht für die Verfolger, sondern für die Opfer. Jesus lässt sich ans Kreuz schlagen, er macht sich zum Sündenbock, und jeder erkennt: Das Opfer ist unschuldig.

Girard sah in dieser Opferkritik einen Fortschritt in der Bewusstseinsgeschichte der Menschheit, eine spektakuläre Zäsur. Der biblische Gott ist der Gott der Opfer und nicht mehr der Gott der Täter; menschliche Gewalt ist nicht mehr heilig, sondern nur noch roh und hässlich. Und doch wussten die Autoren der Bibel, dass damit nicht der ewige Frieden einkehren würde. Wenn Christus sagt: "Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert", dann heißt dies in Girards genialer Deutung: Die Religion nimmt uns zwar das Opfer, aber sie nimmt uns nicht unsere Rivalitäten und Konflikte. Und diese Konflikte sind schneidend wie ein Schwert. Wir müssen sie lösen – doch nicht mit Gewalt.

René Girard war seine eigene Schule, und seine Bücher lesen sich zuweilen wie ein einsames Selbstgespräch. Doch die Behauptung, seine Theorie sei von Anfang an vollendet gewesen und der Rest nur Wiederholung, ist ein Gerücht. Tatsächlich hat Girard, wie sein meisterhafter Interpret, der Innsbrucker Theologe Wolfgang Palaver, zeigen konnte, seine Argumente immer wieder neu gewichtet. Er hat die schroffe Entgegensetzung von archaischer und monotheistischer Religion abgemildert, ohne den epochalen Bruch infrage zu stellen. Und keine Ruhe ließ ihm die Frage, warum Christentum und Islam selbst gewalttätig wurden. Was, um einen seiner Buchtitel zu zitieren, verhinderte das "Ende der Gewalt"?