Wo ist es geblieben, das viel gerühmte Temperament Gustavo Dudamels, dieses allseits begehrten venezolanischen Jungspunds? Als eine feurige Verheißung wurde er aus Antonio Abreus Ausbildungsprojekt Sistema seinerzeit direkt in die internationale Musikszene geschossen. Aufgefangen und umarmt haben ihn die ganz Großen wie Claudio Abbado und Daniel Barenboim. Und sogar das ehrwürdige Berliner Philharmonische Orchester erhoffte sich während der zermürbenden Suche nach einem geeigneten neuen Chefdirigenten adrenalinpralle Kicks vom Flirt mit dem schwarz gelockten Heißsporn, der es so gerne krachen lässt. Nichts davon ist jedoch an diesem Figaro-Premierenabend im Berliner Schillertheater zu spüren. Kein Feuer. Nicht einmal der kleinste Funke. Stattdessen: ein bräsiger Klischeemozart mit bröckelndem Puder und zopfiger Perücke. Die Tempi: durchweg gemütlich bis behäbig, schon – was unverzeihlich ist – in der Ouvertüre, diesem musikalischen Geniestreich, der vor Energie und Aufsässigkeit doch eigentlich vibrieren müsste. Der Orchesterklang: ernüchternd pauschal und undifferenziert in den Mittelstimmen. Der ganze Duktus: eigentümlich erdenschwer, wohlanständig und abgeklärt.

Das Glück dieses Abends liegt ganz und gar bei den Sängern, die nicht nur allesamt fabelhaft singen, sondern sich auch mit einer unmittelbar ansteckend wirkenden Spiellust in ihre Rolle werfen. Wann hat man je einen bezaubernderen Cherubino gehört? Die junge französische Mezzosopranistin Marianne Crebassa ist die Entdeckung des Premierenabends. Mit ihrem kraftvollen, leicht dunkel gefärbten, zugleich aber auch außergewöhnlich klaren und wandlungsfähigen Timbre betört sie nicht nur das Publikum, sondern erotisiert als Puck-ähnliche androgyne Schönheit nach und nach das gesamte Figaro-Personal. Anna Prohaska ist als rothaarig-aufmüpfige Susanna im weißen Matrosenkleid mit ihrem leichten, farbenreichen Sopran das Kraftzentrum der gesamten Aufführung, Dorothea Röschmann eine unwiderstehlich melancholische, jede Note ihrer Partie mit luxuriösem Wohlklang beglaubigende Gräfin.

Und so geht es weiter: Ildebrando D’Arcangelo als stimmgewaltiger Almaviva, Lauri Vasar als geschmeidiger Figaro, Sónia Grané und Katharina Kammerloher in den Partien der Barbarina und der Marzellina. Es ist ein Fest der Stimmen und der Sinne, das Jürgen Flimm sich mit dieser sehr harmlosen, aber sommernachtstraumluftigen Inszenierung noch einmal schenkt, bevor er etappenweise von seinem Intendantenposten Abschied nehmen wird. Nur das Orchester feiert nicht mit, sondern begnügt sich ganz unmozartisch mit der Rolle eines umsichtigen Sängerbegleiters.

Gewiss: Die fulminanten, rockkonzertähnlichen Erfolge, die Dudamel mit seinem riesenhaft besetzten Simón-Bolívar-Orchester regelmäßig erntete, verdankten sich immer schon eher der Überwältigung durch schiere Klangmasse und hitzigen Überdruck als einem dezidierten musikalischen Nuancierungsvermögen. Aber gerade mit Mozart hat man Dudamel als Operndirigent auch schon differenzierter erlebt.

Die Don Giovanni-Premiere, die er 2006, als 25-jähriger Feuerkopf, an der Mailänder Scala dirigierte, ließ neben einem klaren Sinn für Proportionen und Temporelationen auch ein großes dramatisches Gestaltungstalent erkennen. Immer wieder gelangen hier außergewöhnlich intensiv musizierte Passagen, die aufhorchen ließen: Donna Annas Entsetzensausbruch im begleiteten Rezitativ beim Anblick des ermordeten Vaters; eine schwebende Walzergrazie im "andiam, andiam, mio bene" des Duettinos von Zerlina und Don Giovanni; ein expressionistisch zugespitzter Ausdruck in der achten Szene des ersten Aktes, wenn Donna Anna in Don Giovanni plötzlich den Mörder ihres Vaters wiedererkennt.

Da verwundert es schon, dass der Berliner Figaro jetzt so frei von expressiven Höhepunkten, so gebremst und unfrei wiederum im Ausdruck gerät, als habe Gustavo Dudamel sein jugendliches Ungestüm an die Kandare genommen, wie um zu beweisen, dass er erwachsen geworden ist. Es bleibt ein solide im Hier und Jetzt verankerter Mozart der gemäßigten, sich allzeit selbst genügenden Allerweltsgefühle, den die Staatskapelle durchdekliniert. Jegliche Anarchie – etwa in den Steigerungen der Finals – ist ihm ausgetrieben, ebenso fehlen aber auch alle Glücksmomente, die über ein sich ziemendes Normalmaß hinausweisen würden. Wo Mozarts Musik in utopische Erfüllungszustände abheben müsste – im Sextett des dritten Aktes, in der Rosenarie der Susanna –, da schwingt sie sich an diesem Abend bloß zu einem schlichten Eiapopeia auf.

Das freilich trifft sich dann doch allzu widerstandslos mit der altersmilden Heile-Welt-Sicht von Jürgen Flimm, der in diesem Figaro vor allem eines sucht: Harmonie. Von sozialer Sprengkraft und Beziehungstragödien will er nichts wissen. Er fantasiert stattdessen lieber einen erotischen Ferientraum auf die stimmungsvoll im Stil der zwanziger Jahre ausgestattete Bühne (Bühnenbild von Magdalena Gut, Kostüme von Ursula Kudrna). Seine teils vom späten Woody Allen, teils von Billy Wilders Manche mögen’s heiß inspirierte Verwechslungskomödie spielt in einem südlichen Badeort, wo alle sozialen Unterschiede aufgehoben erscheinen und alle alles dürfen, weil sie einander so lieb haben.

Am Ende dieses Berliner "tollen Tages" geht es mit sämtlichen Schrankkoffern und Hutschachteln um den Orchestergraben herum und durchs Parkett hinaus wieder nach Hause, genauso wie man zur Ouvertüre angereist war. Und was bleibt, ist die Freude über ein fabelhaftes Sängerensemble.