Die Größten machen sich manchmal ganz klein, sie schrumpfen zum Monument. Otto Waalkes ist so ein Selbstverkleinerer, und dass das ZDF am 30. Dezember zur besten Sendezeit eine Ehrengala für ihn ausrichtet, ist eigentlich ein Missverständnis. Der Wahl-Hamburger Waalkes mag mit 67 im Alter der Kernzielgruppe öffentlich-rechtlicher Sender sein, sein Publikum ist es nicht.

Klar, die 68er-Generation ist mit seinen Witzen aufgewachsen, aber heute sind es ihre Enkel, die den Künstler schätzen und im deutschen Humormarkt halten. Otto – das ist gegenwärtig vor allem die Stimme von Sid, dem Faultier aus den Ice Age-Filmen, und Bubi, eine Figur aus dem Kinofilm Die 7 Zwerge – Der Wald ist nicht genug.

Mit dieser Parodie großer Märchenstoffe von Schneewittchen bis Rumpelstilzchen landete Otto endgültig dort, wo man das ideelle Zentrum seines Humors schon immer vermutet hatte: im Unsinn, im Infantilen, in der Regression. Das ist als Kompliment gemeint, denn es zeigt, wie man in stimmiger Weise altern kann mit einem Werk, das von Beginn an darauf setzte, Kategorien wie Seriosität und Autorität im Säurebad des Irrsinns aufzulösen.

Dass Otto seine Basiskompetenz auf die Erheiterung der Fünf- bis Zwölfjährigen verwendet, darin liegt viel artistische Redlichkeit. Anstatt sich als kulturkritisch versierter Levitenleser für die Generation 60 plus aufzuspielen, gibt er den Zwerg, was auch bedeutet, seiner Idee von Komik endgültig ein Zipfelmützchen aufzuziehen und Otto Otti sein zu lassen.

Das kann nur ein Gigant, der von ganz oben, quasi vom Höhenkamm des Humorgeschehens herunterklettert. Der Gipfel war eigentlich schon am Anfang erreicht, 1973, Audimax in Hamburg. Damals trat ein nervöser Schlaks mit blonder Fusselmatte und Gitarre auf die Bühne, und nach ein paar Songs, die keine waren, sondern nur die Ankündigungen von Stücken, eine Orgie des Aufschiebens und Hinauszögerns, nach wenigen Liedern war der Muff von Jahren unter den Talaren deutscher Humorgeschichte zerstoben.

Deutsche Comedy schien lange nur im Stil des Biedermeier möglich; Theo Lingen, Heinz Rühmann, Heinz Schenk und Peter Alexander – alles solide Unterhalter, aber in erster Linie eben doch Bestätigungen des Wirtschaftswunderglücks.

Es gab Loriot, der die bürgerliche Klasse in die Widersprüche ihrer eigenen Lebenswelt verstrickte, mit im Gesicht klebenden Nudeln und schief gehängten Bildern, aber dieser Künstlerbourgeois ließ sich aufgrund seiner Gediegenheit leicht und leichtfertig als Nationalkomiker verhaften, während Otto erst einmal nur nervte, foppte, überraschte. Damals, im Audimax, präsentierte er das Lied von der Vogelpastete (El Condor Pasta), den Würger von Wolfenbüttel, Johan Jakob Wendehals, und jene wunderbaren Verse, die der Lyriker Robert Gernhardt, Mitgründer der Titanic, für ihn schrieb: "Lieber Gott, nimm es hin, dass ich was Besonderes bin."

Das Ganze war durchsetzt von Wimmern und Juchzen, dem legendären Hollideridi!-Ruf (eine Art Jodeln in der ADHS-Version) und diversen Knack- und Knarzgeräuschen, wobei man nie genau wusste, ob das jetzt ein brechender Ast war oder ein Furz. Das hysterische Zerschroten von Bedeutung im Schnell- und Wahnsinnssprech auf der einen, die Verformung der eigenen Person zum Bühnenkasperle auf der andern Seite – diese Mischung war vielleicht subversiver als so manche Einlassung des politischen Kabaretts, das zur selben Zeit wieder an Fahrt aufnahm. Loriot war der Gentleman-Komiker fürs Entspannen nach der Joachim-Fest- oder Adorno-Lektüre. Und Otto sein Gegenpol: der junge Wilde, dessen Agenda im Aushebeln jeder Agenda, jeder Sinnverfestigung bestand.

Fürs Comedy-Pantheon bleibt deshalb vor allem dieses halb gewimmerte, halb gejuchzte Geräusch, das sich nur hören, aber nicht notieren lässt. Anders als Hallervordens berühmte sprachliche Nonsensgeste "Palimpalim!" lässt sich die Essenz von Ottos Humor noch nicht einmal in Schrift verwandeln. Das ist eine schlüssige Absage an den Diskurs, die auch ein Fünfjähriger versteht. In diesem Sinne: – – (jodel, hüpf, grunz).

"Otto – geboren, um zu blödeln" ZDF, 30. Dezember, 20.15 Uhr