Im Frühjahr 1964 gab Georg Picht den Resultaten der Stagnation in der deutschen Bildungspolitik den Namen der "Bildungskatastrophe". Besonnene Politiker sind seither nicht müde geworden, mit etwas ängstlicher Emphase auf die Leistungen hinzuweisen, die die deutsche Kulturpolitik der Nachkriegszeit aufzuweisen hat.

Es fehlte jedoch bis vor kurzem an jeder der Aufgabe auch nur halbwegs angemessenen Konzeption und Aktion.

Das Bauwerk der freien deutschen Gesellschaft hat noch kein Fundament, weil diese Gesellschaft noch keine Bildungspolitik hervorgebracht hat. Die deutsche Bildungsrevolution wird eine geplante Revolution sein müssen – und da Revolutionen den Plänen ihrer Urheber meist entgleiten, ist es richtiger, von einer radikalen Bildungsreform als Ergebnis einer aktiven Bildungspolitik zu sprechen.

Die Frage nach den Motiven der aktiven Bildungspolitik stehe am Anfang.

"Bildungsnotstand ist wirtschaftlicher Notstand", heißt es bei Picht; dann ist die Rede von der in ihrem Bestand bedrohten Gesellschaft, vom "Anschluß an die großen Kulturnationen", von der bevorstehenden Verdoppelung der Abiturientenzahlen, von der Unfähigkeit des Bildungswesens, seine Aufgaben zu erfüllen, und von der "gerechten Verteilung der Bildungschancen".

Daß zwei Gründe schlechter sind als einer, gilt vielleicht eher für das Kind, das morgens zu spät zur Schule kommt, als für das Land, das sich in der Schulpolitik verspätet; doch scheint mir, daß auch die Argumente für eine neue Bildungspolitik, so sympathisch sie im einzelnen sein mögen, durch ihre Summierung eher Unklarheit stiften als überzeugen.

Es kommt noch etwas hinzu. Manche der Argumente, die für die gute Sache einer aktiven Bildungspolitik vorgebracht werden, halten kritischer Prüfung nicht stand. Und ein schlechtes Argument kann einer guten Sache mehr Abbruch tun, als drei gute Gründe ihr nützen. Es ist nötig, eine so radikale Wendung der Bildungspolitik zu begründen; darum muß hier von den Motiven der deutschen Bildungspolitik die Rede sein. Es ist ebenso nötig, falsche und schlechte Argumente auszuscheiden; darum muß hier Kritik auch an denen geübt werden, die dasselbe Ziel einer aktiven Bildungspolitik verfolgen.

Das scheinbar entschiedenste, jedenfalls absoluteste Motiv einer raschen und radikalen Wendung der Bildungspolitik ist die Angst vor einer "Bildungskatastrophe". "Noch ist es möglich, zu verhindern, daß die Bildungskatastrophe in ihrer vollen Gewalt über uns hereinbricht." Das ist eine durch mancherlei Beobachtungen begründete Drohung; und doch ist es eine Drohung mit einer Metapher. Es gibt im Bildungswesen keinen Vesuvausbruch und keinen Schiffsuntergang.

Ein anderes, sehr viel vageres, aber ebenfalls zugleich sinnvolles und schwaches Motiv für eine neue Bildungspolitik sehen viele in dem gern beschworenen "Druck" auf die deutschen Schulen und Hochschulen, dem stattgegeben werden müsse. Es gibt keine unausweichliche Kraft sozialer Entwicklungen, der sich die Bildungspolitik nicht entziehen könnte. Natürlich haben die sozialen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte die Qualifikationsstruktur der Berufe, die Antriebskräfte und Wünsche der Menschen auch in Deutschland vielfach verändert; natürlich sind solche Wandlungen Daten für die Bildungspolitik. Aber bildungspolitische Konzeptionen beginnen erst, wenn der soziologistische Zirkel von Anpassung und Widerstand gesprengt wird.

Noch ein weiteres, beliebtes Argument zählt zu den schwachen Stützen der Bildungsreform: das ist der internationale Vergleich. Alle Befürworter einer neuen Bildungspolitik haben Vergleiche zwischen der Quote der Studenten, der Abiturienten, der Abgänger mit Mittlerer Reife, der Schüler mit Kenntnis einer Fremdsprache in der Bundesrepublik und in anderen Ländern der Welt verwendet. Stellt man dann Tabellen auf, so findet sich die Bundesrepublik in der Regel nicht in der Nachbarschaft vergleichbarer Länder wie etwa England oder Frankreich, sondern in der von Portugal und Jugoslawien. Solche Nachbarschaft muß nachdenklich stimmen und kann wohl Anlaß einer Besinnung werden, die zu bildungspolitischer Neuorientierung führt. Aber auch hier ist zu betonen, daß der internationale Vergleich als solcher nur Möglichkeiten, nicht schon Notwendigkeiten der Entwicklung zu begründen vermag.

Ist die radikale Bildungsreform also überhaupt nötig, wenn alle Argumente für sie in den Händen zerrinnen? Noch bleiben uns zwei Motive. Deren eines, der "langfristige Bedarf der modernen Gesellschaft an qualifizierten Fachkräften", ist wohl das gängigste Argument in der bildungspolitischen Diskussion: Die Wirtschaftsentwicklung hängt danach vom technischen Fortschritt, dieser von der Zahl der Akademiker, diese von den Bildungsinvestitionen ab. Mit dem Wirtschaftswachstum wächst der Bedarf für hochqualifizierte Arbeitskräfte und damit die Notwendigkeit der Bildungspolitik.