Zarte Anzeichen, dass die Angelegenheit in Bryants Sinne erledigt werden könnte, gibt es. Allerdings möchte sich kein Politiker zitieren lassen, um vorsichtige diplomatische Bemühungen nicht zu gefährden. Dem Parlament liegt ein Antrag vor, ihn ins Menschenrechtsschutzprogramm des Bundestags aufzunehmen, eher ein Symbol, aber immerhin. Abgeordnete suchen derzeit nach Wegen, wie Brandon Bryant in Berlin unterstützt werden könnte. Er würde gern Vorträge halten, in Schulen gehen und weiter über den Drohnenkrieg aufklären. Er benötigt aber auch medizinische Versorgung, weil er noch an den Spätfolgen eines Militärunfalls leidet, die das Veteranenkrankenhaus in den USA nicht mehr behandeln will. "Ich mag die Community in Berlin, ich fühle mich hier sicher und brauche Verbündete", sagt Bryant.

Berlin ist seit einigen Jahren zum "Sherwood Forest des digitalen Zeitalters" aufgestiegen, wie die Süddeutsche schrieb. Hier treffen sich Hacker, Bürgerrechtler, Programmierer, Blogger und Whistleblower, um von Deutschland aus weltweit gegen Überwachung zu kämpfen. Die WikiLeaks-Mitarbeiterin und Snowden-Fluchthelferin Sarah Harrison lebt hier, die Oscar-prämierte Dokumentarfilmerin Laura Poitras (Citizen Four), der Programmierer M. C. McGrath, der eine Datenbank zur Überwachung von Geheimdienstagenten geschaffen hat, sowie eine wachsende Gruppe weniger prominenter Aktivisten. Beim Stammtisch der Szene treffen sich jede Woche mindestens 50 digitale Dissidenten. Auch Bryant schaute nach seiner Aussage im Bundestag vorbei. Die Courage Foundation hat sich hier angesiedelt, sie will Whistleblower unterstützen. Genauso wie die Anti-Überwachungsinitiative Tactical Technology Collective.

Norwegen. Brandon Bryant ist auch hier, um den Dokumentarfilm Drone vorzustellen, in dem er eine der Hauptpersonen ist. Dafür tourt er durch kleine Orte im Hinterland, diskutiert mit Schülern. Während der Film läuft, sucht er sich eine ruhige Ecke im Kino, holt sein Malbuch und Stifte aus einem Stoffbeutel. Er versucht, Ruhe zu finden mithilfe von Bildern. Psychiater haben eine posttraumatische Belastungsstörung bei ihm diagnostiziert, ausgelöst durch den Drohnenkrieg. Er malt einen Totenkopf, aus dem Blumen wachsen. Er malt gegen seine Vergangenheit an.

Aber auch in Berlin könnten die Schatten dieser Vergangenheit zurückkehren. Die digitalen Exilanten in der Stadt stammen meist aus den USA und Großbritannien. Doch es kommen auch Blogger, Bürgerrechtler und Journalisten aus Saudi-Arabien, Syrien, Pakistan, Afghanistan und dem Iran nach Deutschland. Sie flohen vor Überwachung und Repression. Ungefähr sechzig von ihnen sind in den vergangenen fünf Jahren nach Deutschland immigriert, schätzt Christian Mihr von Reporter ohne Grenzen. Er vernetzt diese Überwachungsgegner mit dem Chaos Computer Club oder organisiert Treffen mit WikiLeaks-Aktivisten. Es könnte also gut sein, dass bald auch Brandon Bryant auf Exilanten trifft, die unmittelbar erfahren haben, was US-Drohnen anrichten. Heute fühlt sich keiner mehr sicher in der Heimat: er nicht und die Flüchtlinge aus diesen Ländern auch nicht – nicht zuletzt, weil amerikanische Drohnen einen unerklärten Krieg gegen Bewohner dieser Staaten führen.

Was würde Brandon Bryant den Opfern seiner Angriffe sagen? Er würde ihnen die Hand geben. Und dann? Er überlegt lange. "Es gibt keine Worte für das, was ich getan habe. Ich weiß nicht, was ich ihnen sagen sollte."

Mitarbeit: Diani Barreto