Als Roland Barthes, der exemplarische Pariser Intellektuelle seiner Zeit, vor 30 Jahren unerwartet nach einem Verkehrsunfall starb, war die Epoche, für die er stand, längst nicht vorbei und der Schock umso größer. Meine Generation hat mit Barthes lesen gelernt: Literatur erzählt ihm zufolge nicht vom Leben, sondern von einem Leben, das vom Begehren zu schreiben verzehrt wird. Aber auch auf unseren Alltag und seine Mythen warf er ein neues Licht: wunderschön die Interpretation des Eiffelturms, die gerade in einem reizenden Bändchen neu erschienen ist. Nicht zuletzt hat fast jeder von uns, geschüttelt von Liebeskummer, zu dem Buch gegriffen, das Barthes’ Namen zu einer geläufigen Formel machte: zu seinen Fragmenten einer Sprache der Liebe, die jetzt endlich vollständig auch bei Suhrkamp erschienen sind. Sein Ruhm hat die von ihm so ideal verkörperte Generation der Strukturalisten und auch den von ihm eingeleiteten Poststrukturalismus weit überlebt.

Barthes ist und war ein populärer Autor. Tiphaine Samoyault zeichnet in ihrer Biografie das Porträt eines auch mondänen Intellektuellen. Barthes gab dem Playboy Interviews über seine immerwährenden Diäten, zeigt Marie Claire sein feinfühliges Gespür für den Unterschied zwischen Chanel und Courrèges; er beriet mit semiologischer Expertise große Werbeagenturen. Nebenbei entsteht so in ihrem Buch ein Epochengemälde des intellektuellen Paris zwischen den zwanziger und achtziger Jahren.

Samoyaults Biografie liest Bekanntes im Lichte des umfangreichen, bisher nicht erschlossenen Nachlasses, vor allem des Terminkalenders, der eine Art Tagebuch war. Sie beginnt mit dem Tod Barthes’, der dem seiner Mutter nach nur zwei Jahren folgte. Anlass ist der Tod der eigenen Mutter, der die Autorin in die Lage versetzt, das Leben Barthes’ nach dem Tod der Mutter als Schlüssel zu seinem Werk vor deren Tod zu nutzen. Ihre Barthes-Biografie wird also in jenem Moment geboren, der für Barthes fatal wurde: beim Tod der Mutter. Zu jung, um Zeitgenossin zu sein, gehört sie zu den Barthes-Leserinnen. Sein platonischer Wunsch, durch seine Werke zu zeugen und so zu überleben, hat sich somit erfüllt.

Nach dem Tod der Mutter hätte Barthes’ neues Leben in einem neuen Schreiben gipfeln sollen. In einem neuen Roman wollte er liebend der unbedingten Liebe der Mutter Form geben. In der Mitte des Lebens, sagt Barthes im Anklang an Dante, soll Liebesleidenschaft dem Leben und Leiden der Toten ein Denkmal setzen. Zwischen die Vita Nova, das "neue Leben", und den geplanten ersten Roman trat Barthes’ eigener Tod. Aber bereits davor schreibt Barthes von einem Hindernis auf seinem Weg: die Unfähigkeit zu lieben. Er nennt diese "schreckliche Figur der Trauer" beim Namen der mittelalterlichen Todsünde: "Acedia, Trockenheit des Herzens, Unerregbarkeit, Unfähigkeit zu lieben. Geängstigt, weil ich nicht weiß, wie ich zur Großzügigkeit meines Lebens – oder zur Liebe zurückfinden soll. Wie lieben?" Wie lieben? Diese Frage heißt für Barthes nicht zuletzt: Wie schreiben?

Zwischen den Zeilen kann man in Samoyaults Darstellung eine Figur entziffern, die Barthes in eine lange Reihe des schreibenden Begehrens stellt: Es offenbart sich ein Triebschicksal, das Barthes mit Flaubert, Rimbaud, Proust, Gide, Thomas Mann, Pasolini vereint. Ohne die Variationen dieses Triebschicksals wäre die moderne Literatur nicht, was sie ist. In ihm kommen drei Momente zusammen: die unbedingte, lebenslange Liebe zur Mutter, ein Eintreten in das Schreiben wie in einen religiösen Orden und, innerhalb dieses, die promiske Homosexualität eines Geheimbunds von Männern und Jungen, die orientalische Züge trägt. Prousts von Hannah Arendt geschmähte Metapher der colonie orientale, welche die Schwulen aller Länder immer und überall bilden, literalisiert sich, nicht ohne ihren metaphorischen Wert zu behalten.

Ging es um sexuelle Emanzipation oder auch um pädophilen Sextourismus?

Die Reichweite der Metapher erschließt sich in einem Zitat von Dominique de Roux, das den sanften Barthes so empörte, dass er 1972 die Stelle von Helfern und Helfershelfern in den Buchhandlungen des Quartier latin aus dessen Buch Immédiatement herausschneiden ließ: "Eines Tages", war dort zu lesen, "unterhielt ich mich mit Jean Genet über Roland Barthes; über die Art, wie er sein Leben in zwei Bereiche geteilt hat, den Barthes der Knabenbordelle und den Barthes als Talmudisten." Der Witz in dieser antisemitischen Bemerkung liegt darin, dass de Roux Lieben und Lesen nicht trennt, wie es den Anschein hat, sondern sie im Topos des Orientalischen zusammenfügt: an einem Ort, an dem die frohe Botschaft abgeglitten ist und von keiner lebendigen Liebe erleuchtet wird. Dem verdinglichten, käuflichen und konsumierten Fleisch des Bordells entspricht der blinde, von keinem Geist erfüllte, auswendige Buchstabe der Talmudisten. Barthes’ Rage rührte wohl daher, dass er diesen Topos in seinem Leben und Schreiben christologisch zu unterwandern unternahm in einem verworfenen Selbstopfer.

Wenn man ein solches Triebschicksal heute, zu Zeiten aufgeklärter und verantwortungsvoller Identitätspolitik und Egopsychologie beschreibt, hört es sich so an: Eigentlich sollte es um Emanzipation und sexuelle Selbstbestimmung, um die Freiheit der Wahl und Selbstbehauptung, um das Durchsetzen einer homosexuellen Identität, um ein sich öffentlich zur Differenz Bekennen und das Überwinden von Heteronormativität in freier geschlechtlicher Pluralität gehen.

Leider muss man jedoch feststellen, dass hier etwas schiefgelaufen ist. Kritisch würde man im selben, tolerant aufgeklärt liberalen Register, das beim Sex von "zustimmenden Erwachsenen", von "Sexualität als Vertrag" handelt, anmerken, dass hier ein moralisch fragwürdiges, pädophiles Verhalten vorliegt: Die Jungen sind oft minderjährig, es geht – auch – um käufliche Liebe und koloniale Ausbeutung, um Sextourismus. Schließlich waren die Kolonien von Flaubert über Gide bis zu Barthes Hauptschauplatz dieses Liebens.