Ein Gesetz gibt es, dem folgen die Saarbrücker, an sich ein eher freidenkendes Völkchen, mit größtmöglicher innerer Disziplin. Und zwar dem Ersten Hauptsatz der saarländischen Leitkultur, der da heißt: "Hauptsach gut gess". Und so rennen die Saarbrücker weder durch ihr Leben noch durch ihren Alltag – sie schlemmen sich hindurch. Als in der Stadt Gestrandeter muss man sich dem nur ein wenig anpassen – dann fühlt man sich dort nach zwei Stunden schon ein bisschen heimisch, sogar in Frankreich, die Saarbrücker denken da traditionell entgrenzt.

Nur drei Kilometer sind es von der Innenstadt bis nach Lothringen. Fahren Sie also mit einem Taxi auf die Spicherer Höhen, werfen Sie dort rasch einen Blick auf das Denkmal, das an die erste Schlacht im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 erinnert, und kehren Sie im Gasthaus Woll ein. Bei einem leichten Rosé zum Start können Sie sich dann, je nach Gemüt und ökologischer Gesinnung, entweder darüber aufregen, dass der Ostfranzose noch cuisses de grenouilles auf die Speisekarte setzt – oder, was saarländischer wäre, Sie bestellen die Froschschenkel halt.

Die Alternativroute nach Frankreich führt über die Saar. Von der Alten Brücke in der Innenstadt aus geht’s per Schiff so gemütlich nach Sarreguemines, dass Sie zuerst die Langsamkeit entdecken und dann ein Zertifikat an der Schiffswand. Der Kapitän, so heißt es da, habe erfolgreich an einem Seminar zur Stressbewältigung teilgenommen. In diesem Moment werden Sie erkennen, dass die zwei Stunden kaum ausreichen, um nach Saargemünd zu tuckern, dort, das ist die Hauptsache, gut zu essen, und dann wieder zurückzuschleichen. Wenn Ihnen diese Schwierigkeit egal ist, sind Sie dem "Saarvoir-vivre" schon ganz nah.

Dieser Text stammt aus "Z – Zeit zum Entdecken", dem neuen Ressort der ZEIT.

Vielleicht ist Ihnen Frankreich auch zu saarländisch. Dann können Sie gleich in Saarbrücken bleiben. Sind Sie eher der konservative, bodenständige Typ, besuchen Sie doch den St. Johanner Markt. Mit seinen edlen Boutiquen, Kneipen, Restaurants und malerischen Gässchen bildet er das schmucke Wohnzimmer der Stadt. Inmitten barocker Bürgerhäuser und im Angesicht des Marktbrunnens mit seinem rankenverzierten Obelisken können Sie kurz Oskar Lafontaine danken (das schaffen Sie!). Dafür, dass er in seiner Zeit als Saarbrücker Oberbürgermeister die Autos zwischen der Szene-Kneipe Tante Anna und dem historischen Gasthaus Stiefel verbannt hat. Bei Dibbelabbes, Hoorische oder Verheiratete, den lokalen Nationalgerichten, können Sie dann darüber nachdenken, was Sie da eigentlich essen.

Gehören Sie aber eher zu jenen, die bedauern, dass Jim Morrison tot und der Kapitalismus lebendig ist, sind Sie im angrenzenden Gründerzeitquartier Nauwieser Viertel, dem Kreuzberg Saarbrückens, deutlich besser aufgehoben. Der Drogenkiez der achtziger Jahre hat sich mit seinen genossenschaftlichen Kunst- und Werkhöfen und einer lebendigen Kleinbühnen- und Kneipenszene zum kulturellen Herz der Stadt entwickelt. In den Kult-Kneipen Bingert oder Kurze Eck folgt das alternative Saarbrücken allerdings nicht dem Ersten, sondern dem Zweiten Hauptsatz der Saar-Leitkultur: "Drei Bier sinn ach e Mahlzeit – awwer do haschde noch nix debei getrunk."