Steve Reich geht auf die achtzig zu, aber wer ihn im letzten Jahr hörte, als er sich mit der Musik seiner Bewunderer von Radiohead auseinandersetzte (Radio Rewrite), vernahm, dass Offenheit gegenüber der Musikgeschichte durchaus vitalisiert. Reich hat beim Komponieren ja oft etwas miterfunden, was es als ausgeprägten Stil erst später geben sollte (Hip-Hop, Ambient, Techno). Im Alter bekommt er allerlei zurück, in intensiven Interpretationen seiner Musik, von Musikern, die seine Enkel sein könnten. So knistert es vor Spannung, als wäre die Minimal Music gerade begründet worden, wenn sich das Ensemble The Knights Reichs Duet for Violins & Strings von 1993 vornimmt, elektrisierend in Linienführung und Intensität, live aufgenommen, gefeiert vom Publikum in Washington.

The Knights, in den Neunzigern in New York gegründet von den Brüdern Eric und Colin Jacobsen, nehmen es mit den abenteuerlichsten Stücken auf. Die Stärke der Formation liegt in den originell bis gewagt konstruierten Programmen. The Ground Beneath Our Feet widmet sich, beginnend mit Reich, den unterschiedlichsten Formen des Concerto grosso. Dabei verliert Reich selbst dann nicht an Boden, wenn seinem Stück das Konzert für Violine und Oboe c-Moll BWV 1060 von Bach folgt. Vielmehr wirken die aufgeladenen Verhältnisse durch Bach gleichsam beruhigt, und die Bühne mutet wie frisch gekehrt an. Bereit jedenfalls für Strawinskys Dumbarton Oaks-Konzert, eine springlebendige Gedankenspielerei über Teile der Brandenburgischen Konzerte – von den Knights mit Furor und Eleganz angegangen.

Noch einmal werden die Welten gewechselt, sobald Siamak Aghaei den Santur spielt, das persische Hackbrett. Aghaeis und Colin Jacobsens kleines Orchesterkonzert ist vor allem in seinen perkussiven Passagen nicht weit von Reich und von Radiohead entfernt, vergisst aber auch in den Dialogen zwischen Geige und Santur nicht das, was der Dirigent Jacobsen als party-within-the-party-Prinzip des Concerto grosso bezeichnet. Zum Schluss improvisiert das Ensemble in The Ground Beneath Our Feet in hinreißend minimalistischer Manier über eine barocke Bass-Linie. Vom irischen Folk bis zum indischen Raga ist hier alles dabei. Vielvölkermusik, viel Freude.

The Knights: The Ground Beneath Our Feet (Warner Classics)