Dem bürgerlichen Publikum wird unterstellt, keine Ahnung zu haben von der Lässigkeit des Daseins, das heißt auch: von Unterhaltungsdingen. Bach ja, Bohlen nein – so stellt man sich den Wertkonservativen vor. So jemand wird einen Turntable für ein verstellbares Empire-Möbel halten und Bushido für ein japanisches Brettspiel. Wie sehr man sich irren kann!

Vergangene Woche im Hamburger Amtsgericht: Ein 57 Jahre alter Straßenkünstler steht vor Gericht, weil er während der Ausübung seines Jobs (auf einem Podest Verrenkungen machen, die Zuschauer dazu bringen, Geld zu spenden) einem Mann eine Bierflasche auf den Kopf geschlagen hat. Ausgerechnet während des Schlagermoves, dieser eigentlich friedlichen Form des Enthemmt- und Benommenseins.

Der Angeklagte, der womöglich darauf setzte, dass Rechtsexperten a) als literarisch versierte Menschen gelten, b) deshalb die phonetische Nähe von Schlager und Schläger zu schätzen wissen und c) entsprechend milde urteilen, dieser Mann erfuhr vom Richter Folgendes: "Ich oute mich jetzt mal als jemand, der auch oft beim Schlagermove gewesen ist."

Ein Richter auf dem Schlagermove! "Atemlos durch die Nacht"! Gegen dieses empirische Wissen hatte der Angeklagte keine Chance. Er wurde auf zehn Monate Bewährung verurteilt. Schade nur, dass der Richter nicht konsequent war und den Prozess in Schlagerform enden ließ:

Richter zum Opfer: "Marmor, Stein und Eisen bricht / aber deine Birne nicht."

Angeklagter zum Richter: "Das ist Wahnsinn, warum schickst du mich in die Hölle!" (Der ganze Saal: "Hölle, Hölle, Hölle!!!")

Alle geleiten den Angeklagten hinaus, singen ermutigend: "Niemals geht man so ganz / irgendwas von dir bleibt hier / und sei es eine kaputte Flasche Bier."