Die ZEIT Österreich feiert 2015 ihren 10. Geburtstag: Seit 2005 erscheint die ZEIT jede Woche mit eigenen Seiten aus unserem Wiener Büro. Statt zurückzublicken, wagen wir in dieser Jubiläumsausgabe "Österreich 2025" einen Blick in die Zukunft – wie wird das Land in zehn Jahren aussehen?

Es ist ein sehr warmer, sonniger Herbsttag in Wien. "Klimaerwärmung: 2025 wird wieder ein neues Rekordjahr", melden die Newsticker, die über jedes iSee X, die neue Generation der Overeyedisplays, huschen. Dann folgt eine Imagekampagne für die Hauptstadt.

Conchita Wurst, die frühere Dragqueen, wurde vor einigen Jahren zur Wiener Toleranzbotschafterin ernannt und trägt seitdem die Botschaft der smarten Tolerance City Vienna in die ganze Welt – nicht überallhin, da sie in einigen Ländern, Russland etwa, und in der arabischen Welt mit Einreiseverbot belegt ist. Das Angebot, als gemeinsame Kandidatin der rot-grünen Stadtregierung bei den nächsten Bürgermeister-Direktwahlen anzutreten, lehnte sie ab. Sie trägt jetzt nicht mehr die Roben einer Diva, mit denen sie 2014 beim Song Contest Furore machte, sondern elegante Alltagsmode internationaler Modeschöpfer. Sie ist eine Frau in den besten Jahren. In ihrem Bart finden sich schon da und dort weiße Strähnchen. Geblieben sind ihr langer Wimpernschlag, das dicke Make-up und ihr wiegender Gang.

Gerade ist Conchita in einem der Rainbow-Jetliner der Austrian Airlines aus der Wiener Partnerstadt San Francisco zurückgekehrt. Sie wird von einer kleinen kalifornischen Delegation begleitet, der Conchita das Erfolgsmodell Wien erklären soll. Im einst so liberalen Schwulenmekka San Francisco ist das tolerante Klima in der zweiten Amtszeit von Präsident Donald Trump großteils unterdrückt worden. Überall sitzen Vertrauensleute der Tea Party an entscheidenden Posten und arbeiten hart daran, die Gleichbehandlung zurückzudrängen. Die Delegation des politischen Aktionskomitees "Equality pays" soll nun aus Wien schlagende Argumente dafür mitbringen, dass Toleranz nicht nur ein Gebot der Menschlichkeit, sondern vor allem ein entscheidender Wirtschafts- und Standortfaktor ist.

Als Erstes führt Conchita ihre amerikanischen Freunde auf den Platz vor dem Rathaus. Sie spazieren über den Ring, auf dem sich längst keine Blechkarawanen mehr stauen. Der Gründerzeit-Boulevard ist zu einer Flaniermeile mit Grünzonen, Stadtmöbeln und Erfrischungskiosken umgewandelt worden, welche von der Bevölkerung nach anfänglichen Protesten stark frequentiert wird. Hier ist ein urbaner Hotspot entstanden. An schönen Tagen, wie diesem, tummeln sich unzählige Leute hier. Sie sitzen auf den Bänken und surfen dank des kostenlosen WLANs im Internet, andere spazieren nur so herum, wieder andere lassen sich die Sonne auf die Nase scheinen und nehmen Erfrischungen zu sich.

Als Conchita mit ihrer Gruppe beim Rathaus ankommt, führt die Toleranzbotschafterin zu einem modernen Mahnmal. Viele Blumen liegen davor. Hier habe alles angefangen, erklärt Conchita. Das Mahnmal erinnert an ein schlimmes Attentat. Auf dem riesigen Platz hatte vor sieben Jahren eine homophobe Untergrundtruppe während der Eröffnungszeremonie des Life Balls ein Bombenattentat verübt. Es richtete ein Blutbad unter den dicht gedrängten Zuschauern an. Auch die Attentäter kamen dabei ums Leben, die Hintermänner des Anschlags wurden nie ausgeforscht.

Wien war entsetzt. Die Stimmung kippte mit einem Mal. Selbst die Boulevardzeitungen schlugen einen neuen Ton an. Bei der Gedenkkundgebung hielt der Bürgermeister, damals noch der unverwüstliche Michael Häupl, eine Rede, in der er versprach, Wien werde von diesem Tag an entschlossen eine Politik der Toleranz umsetzen: "Wien wird die Toleranzhauptstadt Europas. Das ist unser Ziel, und wir werden es erreichen!"

Schritt um Schritt wird ein Paket von Maßnahmen eingeführt, dass Toleranz und Gendergerechtigkeit auf allen Ebenen fördert. Die Neuerungen stießen auf erstaunlich wenig Widerstand. Nur die wöchentlichen Sühneprozessionen, die ursprünglich von der Seipel-Dollfuß-Gedächtniskirche in der Christkönigspfarre ausgegangen waren, finden bis heute statt. Dafür müssen regelmäßig weite Abschnitte des Gürtels gesperrt werden.

Die nächste Station der Kalifornier ist ein schmucker Neubau unweit des Rathauses. Das MoT (Museum of Tolerance) ist erst vor wenigen Monaten eröffnet worden. Es dokumentiert die schlimme Geschichte der homophoben Unterdrückung. In der Cafeteria wartet bereits die Leiterin des Wien Tourismus auf Conchita und ihre Freunde. Sie erklärt, wie Wien innerhalb kurzer Zeit zu einem Tourismusmagneten für die Queer Community wurde. Das ist eine kaufstarke und großzügige Klientel. Die ganze Tourismusbranche boomt. Zahlreiche Kongresse zur Gleichbehandlung und Toleranzkultur wählen Wien zu ihrem Austragungsort. Besonders beliebt ist Wien als Ziel von Hochzeitsreisen. Eine richtiggehende kleine Industrie für gleichgeschlechtliche Eheschließungen ist an der Donau entstanden, ein queeres Mini-Las-Vegas. Häufig werden die Dream-Packages gebucht, die von aufwendiger Garderobe über weiße Fiaker bis hin zum Ball im Kursalon alles für ein rauschendes Kitschfestival einschließen. Die Tourismusbeauftragte ruft auf ihrem Tablet Tabellen und Diagramme auf. Die Kurven von Nächtigungszahlen und Umsatz weisen alle steil nach oben.

Anschließend begibt sich die Gruppe zum Campus der Wirtschaftsuniversität, auf dem ein neues schickes Institutsgebäude in Öko-Architektur und mit begrünter Klimafassade errichtet wurde. Im Welcome-Center des Department of Tolerance Sciences wartet bereits Professor Richard Florida. Der kanadische Ökonom war vor fünf Jahren nach Wien berufen worden, um hier eine akademische Lehr- und Forschungsstelle zu etablieren, die seine bahnbrechenden Thesen weiterentwickelt. Eher zufällig hatte Florida entdeckt, dass es einen Zusammenhang zwischen der Anzahl von Homosexuellen, die in einer Region leben, und einem Ranking gibt, das die Hightechzentren der USA auflistet.

Glaubt man einer immer größeren Zahl an Wissenschaftlern, dann prosperieren Städte oder Länder eher, wenn sie Neues, Anderes, manchmal auch Ungewöhnliches nicht nur tolerieren, sondern aktiv unterstützen. Im Kern sagt die These: Ein Klima der Toleranz gegenüber Schwulen, aber auch Ausländern oder Künstlern lockt nicht nur Minderheiten an einen Ort, sondern auch Querdenker, Nerds und Kreative. Forscher, Programmierer, Architekten. Diese "kreative Klasse", wie sie in der Akademikersprache heißt, treibt jede Ökonomie voran. In Konzernen ist sie genauso begehrt wie in Start-ups – wenn sie nicht selbst etwas gründet und Arbeitsplätze schafft. Für Florida macht die Offenheit gegenüber Homosexuellen einen Teil der Anziehung einer Stadt aus. Die sogenannten buzz cities, in denen diese Ideen gelebt würden, seien emotional anziehend, sagt er. "Eine Stadt muss offen sein für Neues, divers und heterogen sein. Der kulturelle Wert wird immer wichtiger." Das locke die akademische Mittelschicht an. "Die jungen Menschen bleiben und schaffen oft selbst Arbeitsplätze – die Stadt profitiert ökonomisch", ist er sich sicher.

Stundenlang könnte Professor Florida referieren, doch der Terminplan drängt. Conchita und ihre Gruppe besteigen einen E-Bus, der sie zu einem parkähnlichen Anwesen bringt. "Gender Transfer Clinic" steht an der Einfahrt. In Wien hat sich ein sehr profitabler medizinischer Sektor etabliert, der sich auf Geschlechtsumwandlungen spezialisiert hat. Aus aller Welt kommen gut betuchte Medizintouristen in die Spezialkliniken. Es sind freundliche, helle Räume, durch die der Klinikchef, selbst ein Transgender-Vertreter, führt.

Letzter Programmpunkt des anstrengenden Tages ist ein Besuch der Staatsoper. An diesem Abend hat eine radikale Neuinterpretation von Mozarts Così fan tutte Premiere. Diese Produktion will das starre Mann-Frau-Schema, das der Oper bislang zugrunde lag, aufheben. Nicht die Standhaftigkeit sittsamer Frauen soll in dem Spiel überprüft werden, sondern die sexuellen Orientierungen und Identitäten der Protagonisten. Der gewagte Abend ist ein rauschender Erfolg. Auch Conchita ist begeistert, sie wirft dem tätowierten Sänger der Fiordiligi Blumen auf die Bühne.

Das internationale Echo auf diese Produktion ist enorm. Da Ponte finally understood titelt etwa die New York Times. Kaum ist das E-Paper online, klingelt das Smartphone des Kritikers. Es ist Präsident Donald Trump. "You’re fired", bellt er.