DIE ZEIT: Frau Wörner, wie viel Schauspielerei steckt in der Politik?

Natalia Wörner: Eine ganze Menge. Aber nachvollziehbarerweise. Bei uns Schauspielern ist es doch so: Unser Außenbild entsteht aus der Summe der Rollen, die wir spielen. Die Leute glauben, dass wir so sind. Und zum Teil gibt es ja auch Parallelen zur wirklichen Person. Und dann ist die Frage, wie wir mit diesem Außenbild umgehen, wie reflektiert oder distanziert wir sind, was wir beruflich machen. Ich denke, dass es Politikern ähnlich geht. Sie sind die Summe ihrer Taten, ihrer Triumphe, ihres Scheiterns.

ZEIT: Welcher Politiker ist ein guter Schauspieler?

Wörner: Wir machen das anders herum: Sie sagen einen Namen, und ich sage etwas dazu.

ZEIT:Sigmar Gabriel?

Wörner: Ihn kann ich am allerwenigsten einschätzen. Er ist für mich wie Quecksilber, ich habe immer das Gefühl, er ist überall und nirgendwo.

ZEIT:Angela Merkel?

Wörner: Mein Eindruck ist, das sie gerade eine bestimmte Rolle aufgibt und ihr wahres Selbst zeigt. Ich fand ihren Auftritt in der Sendung von Anne Will beeindruckend. Das erste Mal habe ich sie als Mensch gespürt und auch als Frau. Ich fand ihre Sprache interessant. Vorher habe ich sie noch nie so erlebt. Und sie kommt in ihrer Kanzlerschaft das erste Mal an einen Punkt, an dem sie etwas macht, das nichts mit der nächsten Wahl zu tun hat. Ich habe sie immer als sehr kontrolliert und strategisch wahrgenommen, weniger als Schauspielerin denn als Schachspielerin. Das hat sie lange unangreifbar gemacht.

ZEIT: Wenn der deutsche Film oder das deutsche Fernsehen sich an Politik versuchen, endete das bisher in einer Klamotte oder einer missglückten romantischen Komödie. Warum gibt es kein deutsches Borgen oder House of Cards?

Wörner: Die Diplomatin ist ja das Gegenstück zur Lücke. Aber grundsätzlich: Erstens fehlt uns die Tradition mit Filmen, die politisch in die Tiefe gehen – und damit fehlen uns aktuell auch die Autoren. Zweitens mangelt es an Risikobereitschaft, ein Budget bereitzustellen, das ein solches Projekt als Reihe oder Serie trägt. Und drittens gibt es innerhalb der Sender stets Vorbehalte: Was da erzählt wird, sei zu komplex, zu vielschichtig. Da wird der Zuschauer schlicht unterschätzt – das ist traurig.

ZEIT: Wir fliehen ins Seichte, weil die Wirklichkeit schon hart genug ist?

Wörner: Dieser Mechanismus könnte gerade umschlagen. Die Wirklichkeit wird gerade härter – und könnte damit das Seichte verdrängen. Die Flüchtlingsfrage ist so dominant, dass sie überall diskutiert wird, auch unter Filmschaffenden. Werden die Zeiten politischer, werden es auch die Filme. Bei mir ist das ja bereits so. Mein privates Interesse an Politik verschmilzt mit der Rolle der Diplomatin in meinem Beruf. Das ist doch hoch spannend.

ZEIT: Wie genau kam es zu dieser Verschmelzung, wie wurde die Schauspielerin zur Diplomatin?

Wörner: Ich gehöre nicht zu den Schauspielerinnen, die sich mit der Rolle verwechseln, und ich habe nicht die Haltung, dass ich morgen die Botschaft in Paris übernehmen könnte. Am Tag, als mir die Rolle der Karla Lorenz angeboten wurde, war ich zufälligerweise auf einer Veranstaltung der SPD. Frank-Walter Steinmeier kenne ich schon seit rund zehn Jahren. Da habe ich natürlich die Gelegenheit gepackt, ihm von dem Projekt erzählt und ihn gefragt, ob wir mit unserem Kernteam nicht hinter den Kulissen recherchieren können, um möglichst nah an der Wirklichkeit zu bleiben. Und so kam es dann auch. Speziell für den Autor war das enorm wichtig.

ZEIT: Haben Sie von Steinmeier und seinen Leuten auch mal zu hören bekommen: So funktioniert Politik ja gar nicht, so wie ihr euch das ausgedacht habt?

Wörner: Na klar. Dass der Außenminister am Telefon kurzerhand entscheidet, ob die philippinische Regierung nun Kriegsschiffe bekommt oder nicht, ist eine dramaturgische Zuspitzung. Die Realität ist da deutlich komplexer. Aber wir drehen ja keine Dokumentation über Entscheidungsprozesse in der Bundesregierung, sondern einen Spielfilm. Und da sind solche fiktionalen Überhöhungen nicht nur verzeihbar, sondern auch notwendig. Eins ist aber auch klar: Das Auswärtige Amt steht in unserem Film nicht da wie eine glatte Eins. Konflikte im Ministerium werden ebenso angesprochen wie der Zwist zwischen einzelnen Häusern. Im Film geht es auch um einen Konflikt mit dem Wirtschaftsministerium – und das erscheint mir doch sehr nah an der Wirklichkeit.