Nichts spricht dafür, dass dieser Abend der Beginn einer internationalen Musikerkarriere sein wird. Die junge Frau aus Baden-Baden, die sich noch nicht Deena nennt, sitzt mit Freunden in der Bar Mish-Mash im Zentrum Kampalas. Ein paar Weiße sind da, aber vor allem Ugander. 150 Leute insgesamt. Sie trinken Bier, rauchen Shisha und hören die Musik eines Gitarristen.

Die junge Frau trägt ihre Haare braun, ist 19 Jahre alt und von der Äquatorsonne gebräunt. Sie ist nach Afrika gekommen, um Straßenkindern zu helfen. Aber heute hat sie frei. Irgendwann sagt ein Freund zu ihr: "Sag mal, du machst doch Musik. Frag doch mal, ob du jammen darfst."

Sie geht zur Bühne und spielt ihren Lieblingssong Rain, den sie geschrieben hat, als sie 16 war. Die Leute applaudieren, nichts Besonderes, tausendmal erlebt. Aber als die Frau die Bühne verlässt, stellt sich ihr ein Mann vor, Faizel, Künstlername Bashir. Er habe ein Musiklabel hier in Kampala, sagt er. Sie tauschen Telefonnummern aus.

Hier könnte die Geschichte enden. Ein netter Abend mit Freunden Anfang 2013, ein paar Bier, Musik und eine Telefonnummer. Nichts weiter. Und genau danach sieht es aus. Ihr Freiwilligendienst geht im Sommer 2013 zu Ende. Sie fliegt zurück nach Deutschland, fängt ein Studium in Berlin an, Soziale Arbeit. Mit Bashir schreibt sie manchmal E-Mails.

Aber da endet die Geschichte nicht. Im Oktober 2015 ist die junge Frau zurück in Uganda. Sie nennt sich jetzt Deena, und diesen Namen kennt das ganze Land. Die junge Deutsche ist hier ein Popstar geworden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46 vom 11.11.2015.

Zum Gespräch kommt sie in ein Restaurant. Sie trägt Dreadlocks, ist freundlich-zurückhaltend, wirkt ein bisschen müde. Sie entschuldigt sich, dass sie so dünn sei. Sie habe zu wenig Zeit zum Essen bei all dem Stress. Sie bestellt Spaghetti Bolognese und gewürzten afrikanischen Milchtee.

Ihr Aufstieg kam so überraschend wie rasant. Über den Jahreswechsel 2014/15 besucht sie Freunde in Kampala. Auch Bashir hat sie Bescheid gesagt.

Kaum in Uganda, kommt sein Anruf. Bashir fragt: Kannst du eigentlich in Luganda singen?

Luganda ist die verbreitetste Sprache Ugandas. Die junge Frau spricht Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, ein bisschen Kinyaruanda und Suaheli, aber Luganda spricht sie nicht. Sie sagt: Klar, wieso nicht?

Am nächsten Tag treffen sie sich im Studio und schreiben den Song Mumulete. Es geht um eine gefährdete Liebe, ziemlich schnulzig, balladiger Pop, wie ihn viele ugandische Sängerinnen singen.

Sie nehmen ihn Satz für Satz auf, die Wörter schreibt sie sich in Lautschrift auf. In einer Sprache zu singen, die man nicht spricht, ist schwer. Manchmal krümmen sich die Techniker draußen vor Lachen. Sie arbeiten die ganze Nacht.

Bashir sagt: Das wird hier in Uganda explodieren, du wirst groß! Sie sagt: Erst mal abwarten.

Schon der erste Test gibt ihm recht, ein Auftritt im Nationaltheater. Das erste Mal auf der Bühne als Deena. Mit ihrem richtigen Namen will sie nicht in die Öffentlichkeit – und auch nicht in die Zeitung.

Als Deena im Nationaltheater anfängt zu singen, werden die 400 Leute im Publikum totenstill, dann fangen sie an zu lachen – ungläubig, überzeugt davon, das sei Playback.

Aber dann kommt Deena zum A-Cappella-Teil, den sie extra für diesen Fall eingebaut hat. Sie singt: Omutima gunuma nga simulabye. "Mein Herz zerbricht, wenn er nicht bei mir ist." Das Publikum fängt an zu jubeln, Deena singt und singt. Mumulete! Bringt ihn zu mir! Und das Publikum jubelt lauter. Mumulete!

Sie stellen den Song ins Netz und kriegen 10.000 Abrufe in 24 Stunden. Am selben Tag ruft das ugandische Fernsehen an, will Deena im Studio haben. Sie gibt an diesem Tag drei Interviews.