Hilfe, Sonntag – Seite 1

Der Sonntag war einmal ein ganz normaler Tag, an dem man an Gott dachte, Kinder zeugte und spazieren ging. Von diesen drei beruhigenden Sonntagsbeschäftigungen sind inzwischen mindestens zwei weggefallen. Seither nervt der Sonntag und macht Probleme. Ein Montag darf schwächeln. Ein Dienstag langweilen. Ein Mittwoch darf so durchrutschen. Am Donnerstagabend wünschen sich alle schon ein schönes Wochenende. Den Freitag nimmt niemand mehr ernst. Der Sonnabend ist die Ouvertüre. Und dann ist er endlich da: der Tag, an dem sich alles erfüllen muss, worauf man die ganze Woche über gewartet hat.

In meiner Kindheit sind die Sonntage noch auf der Stelle getreten. Sie waren grau und langweilig. Tage, in denen man schon am Vormittag nicht mehr weiterwusste und am Nachmittag noch immer im Treppenhaus am Fenster stand und auf den Parkplatz heruntersah, auf dem sich kein Auto vom Fleck bewegte. Am Sonntag hatte der Vater schlechte Laune, weil er es nicht gewohnt war, mit kleinen Kindern in eine enge Wohnung gesperrt zu sein. Er machte aber auch nicht, was andere Männer damals sonntags so machten, mal nach dem Auto sehen oder ein bisschen an der Gartenhecke herumschneiden. Er blieb lieber zu Hause, legte sich aufs Sofa und rauchte eine Packung HB. Manchmal wurden am Sonntag die Großeltern besucht. Dort saß man wieder stundenlang auf dem Sofa und rauchte. Danach gab es hart gekochte Eier mit Mayonnaise. Zum Abschied standen die Großeltern auf der Straße und winkten. Das sind Sonntagsgesten, die verschwunden sind. Als der Schriftsteller Ludwig Harig mich einmal nach einem Interview zum Bahnhof brachte und dem abfahrenden Zug mit einem großen weißen Taschentuch hinterherwinkte, war das ein Flaschenpost-Moment aus der alten Sonntagszeit.

Heute sind die Sonntage viel interessanter und bis zum Platzen gefüllt mit allen möglichen Leckereien. Da ist das Sonntagsfrühstück in seiner ganzen ausgetüftelten Kleinteiligkeit. Die Sonntagszeitung mit ihren vielen babyfarbenen Fotos und aufwühlenden Geschichten. Der Sonntagssport auf den komplizierten Geräten des Fitnessclubs. Das Sonntags-Vormittagsprogramm, das in die Kinder all die guten Familiengefühle hineinstopft, an die sie sich später erinnern sollen, wenn sie an ihre Kindheit zurückdenken, in der sie ihre Eltern in Wahrheit kaum gesehen haben. Das Sonntags-Mittagsprogramm, in dem man all die fantastischen Küchengeräte und Porzellanteile zum Einsatz bringen muss, für die man sonst nie Zeit hat. Das Sonntags-Frühnachmittagsprogramm, in dem man alles wieder reinigen und mit den Eltern telefonieren muss. Das Sonntags-Nachmittagsprogramm, in dem man Hunde, Kinder und Freunde unfallfrei durch einen Freizeitpark dirigiert und schnell noch mal in seinem Lieblingscafé vorbeiguckt. Das Sonntags-Frühabendprogramm, in dem man die Bagage in die Oper und ins Kino schleppt. Der Sonntagabend, an dem man sich daran erinnert, dass man irgendwann in seinem Leben einmal verliebt war und dass in dieser Richtung vielleicht noch was zu machen sein sollte. Und dann doch wieder nur Talkshow guckt. Und die Sonntagnacht, in der der ganze hektische Zauber wieder verfliegt.

Der Sonntag ist zu einem Kampftag geworden, von dem man sich noch den halben Montag über im Büro erholen muss. Wie gelähmt hängen die Sonntagsüberlebenden am Montagmorgen in den Pendlerzügen und auf den Bürostühlen, erschöpft von der freien Zeit, in der sie sich beweisen mussten, dass sie ihre persönliche Bilanz auf der nach oben offenen Glücksskala ein Stück vorangetrieben haben. Seitdem die Zeiten, in denen man den Sonntag stoisch auf dem Sofa aussitzen konnte, vorbei sind, ist das Sonntags-Ding derartig kompliziert geworden, dass man es gar nicht mehr ausschließlich im Eigenbetrieb angehen kann. Die Uhr läuft, und wenn man alles Wichtige selbst erledigen muss – Familienwärme, Abenteuer, Sex, Gespräch, Nachdenken und was sonst noch so die Woche über liegen geblieben ist –, wird man nie damit fertig. Um das enge Sonntagszeitfenster wirklich optimal zu nutzen, kommt man kaum daran vorbei, auf die Angebote professioneller Helfer zurückzugreifen, auf die Medien-, Kultur- und Freizeitanbieter, die professionellen Geschichtenerzähler und Gefühlsverkäufer, die einen mit exquisiter Erlebnisware in hoch konzentrierter Dosis versorgen. Das ist effizienter und anregender als das umständliche und nicht selten glanzlose und graugesichtige Heimwerkeln am eigenen Leben, hat jedoch den Nachteil, dass man mit dem Selberleben allmählich ein wenig aus der Übung kommt.

Natürlich halten auch die zusammengekauften Sonntage nicht unbedingt, was man sich von ihnen versprochen hat. Das ist der ernüchternde Teil des neuzeitlichen Sonntagsbetriebs: Er ist viel aufregender, hat eine größere Umlaufgeschwindigkeit als früher, er bewegt viel mehr Masse von hier nach da, er kostet mehr Geld, Benzin und Nerven, aber das Ergebnis ist in etwa dasselbe. Man hat zu viel gegessen und fühlt sich am Ende leer.

Das ist jedoch kein Unglück, sondern sogar der eigentliche Sinn des Sonntags: Er ist ein ewiges Versprechen. Jeder Sonntag produziert die Sucht nach dem nächsten, weil keiner unsere tiefsten Sonntagswünsche je erfüllt. Das Prinzip, das dahintersteckt, heißt Aufschub: Man schuftet und vertagt die Verwirklichung seiner Träume auf später. Gott selber hat das Aufschubprinzip als Erster praktiziert. Sechs Tage lang hat er nur gearbeitet und sich entsagungsvoll um die Zuwachsraten der Erde gekümmert, um Licht, Finsternis, Wasser, Land und Tiere. Der siebente Tag sollte zeigen, wozu all diese Anschaffungen gut waren. Der siebente Tag muss den Beweis liefern, dass die Schöpfung einen Sinn hat. Dass man all diese schönen Dinge überhaupt gebrauchen und genießen kann. Dabei ist es auch in gottloser Zeit im Großen und Ganzen geblieben: Der Sonntag muss noch immer den finalen Beweis dafür bringen, dass wir nicht nur für die Arbeit arbeiten. Dass unser Leben gelingt.

Dieser Text stammt aus "Z – Zeit zum Entdecken", dem neuen Ressort der ZEIT.

Der Aufschub ist das Erfolgsrezept aller christlichen Gesellschaften, er hält alle auf dem Laufrad. Man lebt, als lebte man nicht, als sei das Leben nur eine Probe für etwas, das später noch kommt: das richtige Leben. Für manche auch: das ewige Leben. Je nachdem. In jedem Fall rackert man sich im Wesentlichen für die Zukunft ab. Die Kinder in der Schule und die Eltern im Betrieb. Später hat man dann was davon, die Mühen werden sich auszahlen: Wenn du einmal groß bist, wenn du einmal Ferien hast, wenn du in die Rente kommst. Wenn das nicht klappt, bleibt die Hoffnung aufs Paradies. Spätestens hier wird man für das Aufschieben seiner Lebenswünsche entschädigt. Eine kleine Kostprobe dafür ist der Sonntag. Der Sonntag ist das Miniaturparadies schlechthin. Und solange wir vom echten Paradies keine Ahnung haben, ist er das einzige Paradies, das wir überhaupt kennen. Der Sonntag ist der Maßstab für das, was im Paradies in einer ganz anderen Größenordnung möglich sein sollte.

An allen anderen Tagen der Woche müssen wir arbeiten. Und die Arbeit produziert leider einen gewissen Reparaturstau, was unser eigentliches Leben angeht. Das meiste, das uns wirklich interessiert, kommt darin nicht vor. Von Montag bis Freitag interessiert man sich brennend für die Absatzraten und die Vertragsabschlüsse des Unternehmens, dem man seine Lebenszeit verkauft hat. Am Sonntag interessiert man sich für den gesamten Rest.

Der Sonntag kann einem auch leidtun

Ein Sonntag, der vergeht, als sei nichts gewesen, ist am Ende noch die beste Lösung. © cydonna /​ photocase.com

Da ist es kein Wunder, dass der arme Sonntag unter diesen Lasten zusammenbricht. Er muss für zu vieles geradestehen. Er ist die Wiedergutmachung für alle unbefriedigten Wünsche, für den Leerlauf und die tapfer ertragene Enttäuschung eines vertagten Lebens, das mit angezogener Handbremse voran zuckelt. Von den großen Erlösungsversprechen der Menschheitsgeschichte ist am Ende nur diese 24-Stunden-Utopie übrig geblieben: Der Sonntag als letztes Sinnangebot in der vor sich hin schnurrenden Anspannung der Arbeitstage. Ein paar schöne Stunden zum Selberausmalen sind der kümmerliche Rest von den Blütenträumen und Revolutionen vergangener Jahrhunderte. Das ist, wie wenn man eine Alpenüberquerung geplant hat und sich dann mit dem Gang zum Brötchenholen zufriedengeben soll. Der Sonntag kann einem auch leidtun. Er ist total überfordert. Obwohl wir wirklich nur das Beste von ihm wollen.

Im Grunde erinnert mich dieses Sonntags-Paradox ein wenig an die Nachrüstungsdebatte. Damals haben wir uns sehr aufgeregt, weil Deutschland in Frieden leben wollte und zu diesem Zweck immer mehr Sprengköpfe aufgestellt hat, die man später wieder abbauen musste. So ähnlich ist es mit dem Sonntag: Er ist immer weiter aufgerüstet worden, weil man noch glücklicher und noch zufriedener sein wollte. Jetzt muss man ihn wieder abrüsten, um es zu werden. Manche Fehler macht man einfach immer wieder.

Das beste Argument gegen die sonntägliche Glückspanik kommt vom französischen Philosophen Blaise Pascal, der seinen Zeitgenossen empfohlen hat, nicht mehr auf die Straße zu gehen: "Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie es nicht aushalten, ruhig in einem Zimmer zu bleiben." Man sollte den Sonntag in Ruhe lassen. Die vielen verlorenen Stunden des Lebens bekommt man ohnehin nicht erstattet. Weder am Sonntag noch sonst irgendwann. Ein Sonntag, der vergeht, als sei nichts gewesen, rauchend auf dem Sofa liegend, ist am Ende noch die beste Lösung.