Ich pendele. Nicht ein paar Kilometer. Ein paar Hundert Kilometer. Jedes Wochenende.

Wenn ich im Zug sitze, höre ich Sätze von Fremden, die ich nicht hören will. "Vor dem Magenband war ich fetter." – "Den Griechen keinen Cent!" – "Mama, ist ein Pferdehengst etwas anderes als ein Papahengst?"

Bevor ich im Zug sitze, höre ich Sätze von Bekannten, die ich nicht hören will. "Fehlt da nicht die Nähe?", fragen Kollegen. "Bist du sicher, dass es die Mühe wert ist?", fragen Verwandte. "Warum baust du dir nichts mit Perspektive auf?", fragt ein Freund.

Der Freund ist Zahnarzt. Wir teilten lange einen Schulweg und ganz kurz Laura. Dann kam das Abitur. Ich zog ins Ausland. Er zog zu Laura. Sie bauten ein Haus, eine Familie und einen Wintergarten auf.

Ich wohne zur Miete. Meine Familie ist auf mehrere Wohnungen verteilt. Und als ich das letzte Mal in einem Wintergarten stand, hielt ein Mann dort eine Trauer-Rede.

Der Mann war ein entfernter Onkel. Er war vom Azubi zum Chef geworden, seine Frau Hausfrau und Mutter. 40 Jahre an einem Ort. 40 Jahre keine Zeit. "Und jetzt ist es zu spät", sagte der Onkel, der seit Kurzem Rentner war. Und jetzt Witwer.

Auf der Hochzeit des Freundes wurde getanzt. Erst tanzte das Brautpaar, und als alle Gäste weg waren, Laura mit mir. Sie tanzte langsam und eng und flüsterte. "Hättest du alles haben können, wärest du geblieben."

Nähe ist keine Maßeinheit.

Nähe ist ein Gefühl.