Ich tippe – und lasse spenden – Seite 1

Jeden Morgen, bevor Maximilian Eckel und seine beiden Mitbewohner in den Arbeitstag starten, tun sie etwas Gutes: Sie zücken ihre Smartphones und öffnen eine App. Die heißt Goodnity, und sie stellt den Nutzern Fragen: "Wie spülst du dein Geschirr am liebsten?" oder "Trinkst du auf Flügen Tomatensaft?"

Die drei jungen Männer tippen die Antworten ein und sorgen so dafür, dass Geld für Hilfsprojekte für Kinder in Haiti gespendet wird. Jede Antwort bringt zwei Cent für das Hilfswerk Nuestros Pequeños Hermanos Deutschland. Das Geld zahlt Goodnity, aber es kommt letztlich von Marktforschungsfirmen, mit denen Goodnity Verträge gemacht hat.

Maximilian Eckel, Marc Beermann und Keith Gesche sind keine normalen Goodnity-Fans, sie sind die Erfinder der App. Die drei Uni-Absolventen haben ein Start-up gegründet, um aus der Smartphone-Anwendung ein profitables und wachsendes Geschäft zu machen. Sie sind nicht die Einzigen auf diesem Markt. Eine ganze Reihe junger Unternehmer entwickelt Smartphone-Apps, bei denen das Geschäftliche auf neuartige Weise mit dem Gemeinnützigen verbunden wird.

Die Macher wollen meist drei Ziele miteinander verbinden: das Spendenaufkommen erhöhen, der Marktforschung neue Mittel an die Hand geben und dabei selbst einen Gewinn einstreichen. Wenn das gelingt, wäre es eine Win-win-win-Situation.

Im Vergleich zu den anderen Altersgruppen spenden junge Leute bislang tatsächlich vergleichsweise selten. Laut Charity Scope, einer Studie der Gesellschaft für Konsumgüterforschung (GfK), gab im vergangenen Jahr nicht mal jeder Fünfte der unter 40-Jährigen Geld für gute Zwecke. Vom gesamten Spendenaufkommen werden nur neun Prozent von dieser Altersgruppe aufgebracht – obwohl sie etwa 40 Prozent der Bevölkerung ausmacht.

Zugleich sind junge Menschen die Hauptzielgruppe für die werbetreibende Wirtschaft. Ihre Wünsche und Vorlieben sind für die Marktforschung von größtem Interesse. Welche Produkte kommen bei den jungen Verbrauchern an? An welchen Dienstleistungen haben sie Interesse? Wie kann man ihr Interesse wecken? Die Antworten auf solche Fragen sind bares Geld wert.

Mit dem Slogan "Helfen leicht gemacht" animiert Goodnity junge Leute, Fragen zu beantworten: "Deine Meinung für einen guten Zweck". Der App-Nutzer muss nicht selbst spenden, sondern er kann Spenden "generieren", wie es heißt. Indem er zum Beispiel Auskunft gibt auf Fragen wie "Welche Art von Urlaub machst du am liebsten?". Für jede beantwortete Frage spendet Goodnity 2 Cent, im Monat jedoch nicht mehr als fünf Euro pro Nutzer. Die Belohnung fürs Anklicken besteht in dem Gefühl, etwas Gutes getan zu haben. Man spendet, ohne dass das mehr kostet als ein wenig Zeit.

Wer Zeit hat, der kann heute über eine Vielzahl von Apps karitative Anliegen unterstützen. Über die App ShareTheMeal sammelt das United Nations World Food Programme Kleinstbeträge von 40 Cent pro Nutzer und Tag. Binnen drei Monaten wurden daraus rund 720.000 Euro und bis heute mehr als 2,3 Millionen Mahlzeiten für Kinder. ShareTheMeal wurde von den früheren Unternehmensberatern Sebastian Stricker und Bernhard Kowatsch in Berlin gegründet. Sie wollen möglichst viele Menschen dazu bringen, dass sie für Hungernde per Fingertipp im Smartphone spenden, wenn sie selbst gerade ihr Essen einkaufen oder verzehren.

Kritik an den Apps

Der New Yorker Anwalt Gene Gurkoff hat die App Charity Miles entwickelt. Deren Nutzer sorgen mit jeder Meile, die sie laufen oder mit dem Rad fahren, für Spenden in Höhe von 10 bis 25 Cent. Die App erfasst den Standort des Nutzers und ermittelt die zurückgelegte Strecke. Und sie blendet Werbung der Firmen ein, die das Geld bereitstellen. Rund eine Million US-Dollar hat das Start-up nach eigenen Angaben seit 2012 eingesammelt.

Die deutschen Nachahmer setzen ebenfalls auf Koppelgeschäfte, durch die das Spenden für die Nutzer gratis ist. Über Smoost ("Einfach kostenlos helfen") können sie zum Beispiel Vereinen und anderen Institutionen zu Geld verhelfen, indem sie sich Werbeprospekte anschauen. Auch die Lauf-App MovingTwice zeigt Werbung. Nate heißt eine Anwendung, die sogar den Sperrbildschirm von Smartphones mit Werbung belegt. Jedes Entsperren löst eine Minispende aus.

All diese Apps zielen auf ein Stück von einem riesigen Kuchen. 2014 stiegen die Online-Werbeumsätze laut dem Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft um fast sieben Prozent auf mehr als 1,3 Milliarden Euro. Für die kommenden Jahre rechnet die Branche mit stetigem Wachstum der Einnahmen.

Die Gründer von Goodnity hatten deshalb auch keine Probleme, Startkapital aufzutreiben. Neben dem Geld von privaten Investoren konnten sie sich eine öffentliche Förderung sichern. Sie bekamen Gründerstipendien des Bundeswirtschaftsministeriums und des Europäischen Sozialfonds.

Goodnity versteht sich nach Aussage seiner Gründer nicht als Non-Profit-Unternehmen. Sie versprechen aber, etwaige Gewinne für eine Ausweitung des eigenen Geschäfts einzusetzen. Wenn es um konkrete Zahlen geht, ist das Unternehmen vorsichtig. Aktuell fließen noch alle Einnahmen in den Spendentopf. Wie viel von dem eingenommenen Geld später beim Start-up bleiben soll, sei von Auftraggeber zu Auftraggeber unterschiedlich. Die Gründer wollen sich dabei an großen Hilfsorganisationen orientieren wie Ärzte ohne Grenzen, Deutsches Rotes Kreuz oder Unicef. Im Schnitt geben sie nicht mehr als 20 Prozent für die eigene Infrastruktur und Verwaltung aus. Dass es bei dieser Obergrenze bleibt, könne Goodnity zwar nicht versprechen. Die Gemeinnützigkeit soll aber im Fokus des Unternehmens stehen.

Bislang sind es nicht eben große Summen, um die es bei den deutschen Spenden-Apps geht. So hat MovingTwice in zwei Jahren 28.000 Euro eingesammelt. Bei Smoost sind es nach Angaben des Gründers Rainer Rother etwa 120.000 Euro im Jahr. Ein Viertel davon behält der Gründer, um seine Kosten zu decken, drei Viertel verteilt er an mehr als 500 registrierte Organisationen.

Der Hamburger Verein Viva con Agua, eine Initiative, die die Trinkwasserversorgung in Entwicklungsländern verbessern will, hat innerhalb eines Jahres gerade einmal 80 Euro über Smoost bekommen. Nach einer Weile floss gar kein Geld mehr, berichtet Moritz Meier, der Marketingleiter von Viva con Agua. Er findet die Idee mit den Spenden-Apps gut, glaubt aber, dass die erst einmal die Werbetrommel für sich selbst rühren müssten.

Wer als Nutzer von Goodnity das Monatsziel erreichen will, muss die App regelmäßig aufrufen. Pro Tag lässt sich dort nur eine geringe Zahl an Fragen beantworten. Alles in allem brauchen die Nutzer daher ziemlich viel Zeit für einen vergleichsweise kleinen Spendenbetrag.

Jürgen Schupp sieht die Apps kritisch. Der Soziologe erforscht am DIW Berlin das Spendenverhalten der Deutschen. Schupp fürchtet, dass App-Nutzer komplett auf direkte Geldspenden für karitative Projekte verzichten könnten. Solche sporadischen Spenden liegen bei den unter 40-Jährigen zwar nur bei durchschnittlich 98 Euro pro Jahr – aber das ist sehr viel mehr als das, was bei den Apps bisher für den guten Zweck herausspringt.

Korrekturhinweis: In der Print-Version dieses Artikels waren durch ein Missverständnis teilweise falsche Zahlenangaben zu lesen. Wir haben diese in der Online-Version korrigiert. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.