Alles begann mit dem Satz: "Grüne Äpfel wachsen auf Nasen." Quatsch sei das, sagten die Sechsjährigen, denen Ellen Bialystok diesen Satz in ihrer Muttersprache Englisch präsentierte. Wenn Kinder dagegen mehrere Sprachen beherrschten, antworteten sie sinngemäß: Der Inhalt sei zwar Quatsch, die Grammatik aber korrekt.

Für die kanadische Psychologin war das eine Offenbarung: Mehrsprachige Kinder konnten die eine Information (Inhalt) von der anderen (Grammatik) unterscheiden. Heute, dreißig Jahre und viele Studien später, ist Bialystok überzeugt: Wer von früh auf mehrere Sprachen beherrscht, ist flexibler im Kopf und deshalb in der Regel gescheiter. Denn Bilingualität erfordert stets Multitasking. Ob man Bücher liest oder ein Eis kauft – ständig konkurrieren im Gehirn unterschiedliche Sprachsysteme. Um Chaos zu vermeiden, müssen Mehrsprachler nicht nur zur rechten Zeit die richtige Sprache aktivieren – Englisch mit der Mutter, Französisch mit dem Vater –, sondern auch das falsche System unterdrücken.

Das beeinträchtige die Denkfähigkeit, glaubte man früher. Denn bilinguale Kinder schnitten bei Intelligenztests in den USA schlechter ab als einsprachige Altersgenossen. Später stellte sich das als klassische Fehlinterpretation heraus: Die Forscher hatten nicht bedacht, dass die Mehrsprachler meist aus sozial benachteiligten Einwandererfamilien stammten.

Inzwischen hat die Wissenschaft eine 180-Grad-Wende vollzogen: Statt mit Tumbheit wird Multilingualität heute mit erhöhter Intelligenz verbunden.

So haben zum Beispiel Forscher nachgewiesen, dass sich Mehrsprachler besser in andere Menschen hineinversetzen können. Dazu legten sie Kindern zwischen vier und sechs Jahren drei Spielzeugautos unterschiedlicher Größe vor. Das kleinste Auto positionierten sie so, dass es für einen Erwachsenen, der dem Kind gegenübersaß, verborgen blieb. Forderte nun der Erwachsene das Kind auf, das "kleine Auto" zu verschieben, bewegten einsprachige Kinder meist das versteckte kleinste Auto. Mehrsprachler aber griffen häufiger zum mittleren Wagen. Sie wussten: Das ganz kleine Auto kann der Erwachsene nicht sehen, er meint sicher ein anderes. Die Kinder hatten eine bedeutende Transferleistung vollbracht: Sie hatten die Perspektive ihres Gegenübers eingenommen.

Mittlerweile gibt es viele solcher Experimente, die meisten stammen aus dem Umfeld von Ellen Bialystok an der York-Universität in Toronto. In der kanadischen Einwanderermetropole erforscht Bialystok die "Exekutivfunktionen" des Gehirns. Diese agieren ähnlich wie der Tower eines Großflughafens; sie koordinieren ein- und ausgehende Informationen, lenken die Aufmerksamkeit und kalkulieren mögliche Hindernisse auf dem Weg zum Ziel. Beim Erlernen dieser wichtigen Exekutivfunktionen, so Bialystoks These, seien Mehrsprachler im Vorteil, weil sie nebenbei ein zweites Trainingsprogramm absolvieren.

Der Psycholinguist Gregory Poarch testete dazu die Konzentrationsfähigkeit von Schülern. Je nach den Pfeilen, die auf einem Bildschirm erschienen, sollten sie verschiedene Knöpfe drücken, weitere Stör-Pfeile erschwerten die Aufgabe. Ergebnis: "Die Mehrsprachler waren mit sieben Jahren so gut wie Monolinguale mit elf", berichtet Poarch.

Selbst Babys scheinen sich schneller auf neue Situationen einstellen zu können, wenn sie mit zwei Sprachen aufwachsen: Forscher gewöhnten sie daran, auf ein Tonsignal hin nach links zu schauen, wo eine Puppe auftauchte. Nach einiger Zeit ließen sie die Puppe plötzlich rechts erscheinen. Babys aus polyglotten Familien erkannten den Richtungswechsel schneller als Kinder einsprachiger Eltern.

Doch die Ergebnisse sind nicht unumstritten. Manchmal lassen sich die Studien nicht replizieren, mitunter fallen die Effekte geringer aus. Auf einer Tagung in New York kam es im Mai fast zum offenen Streit der Forscher. Denn auch ihre Studienobjekte unterscheiden sich: Manche Mehrsprachler sind von Beginn an multilingual aufgewachsen, andere haben verschiedene Sprachen nacheinander gelernt; manche springen je nach Kontext zwischen Englisch oder Französisch hin und her, andere nicht. "Jeder dieser Faktoren kann die Resultate verzerren", sagt Gregory Poarch.

Jenseits des Streits um Details aber wird immer klarer, wie sehr Menschen von der Fähigkeit zur Mehrsprachigkeit profitieren. Hilft sie sogar gegen Alzheimer? Das legt eine Studie Ellen Bialystoks von 2007 nahe: Kanadier, die lebenslang zwei Sprachen gesprochen hatten, zeigten sich darin weniger anfällig für Alzheimer. Zwar erkrankten sie im ähnlichen Alter wie monolinguale Vergleichspersonen. Doch die verheerenden Folgen der Demenz traten bei ihnen später auf. Untersuchungen aus Israel und Indien kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Polyglotte Menschen, folgert Bialystok, verfügten über eine "kognitive Reserve".

Tatsächlich finden Hirnforscher im Kopf betagter Mehrsprachler mehr graue Masse. Diese geistige Rücklage könnte bei Alzheimer den Abbau der Fähigkeiten kompensieren. Wenn Bialystok recht hat, ließe sich der geistige Verfall damit um fünf bis sechs Jahre verzögern. Kein bisher bekanntes Medikament gegen Alzheimer hat eine ähnliche Wirkung.

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