In diesem Buch geht es um Drogen und Nazis. Es geht um Hitler und seinen Dealer. Um Soldaten auf Speed, um U-Boot-Kapitäne auf Koks. Oder, etwas weniger sensationell: Es geht um die Bedeutung von Psychostimulanzien während der NS-Zeit. Das kann man durchaus verlockend finden.

Norman Ohlers Buch Der totale Rausch liest sich wie eine Fernsehshow. Wer den nicht immer leicht verdaulichen Duktus historischer Forschungsliteratur gewöhnt ist, atmet zunächst auf und lässt sich dankbar einsaugen in die Erzählung. Die Geschichte ist voller Witz und pikanter Details. Ohler beschreibt keine Funktionsträger, keine blutleeren Nummern im System, sondern Menschen. Sie fühlen, sie handeln, sie haben Verdauung. Wenn Hitler seine Injektion bekommt, ist das nicht in drei oder vier Worten gesagt. Da schnappt die schwarze, lederne Arzttasche auf, die Ampullen werden eingeknickt, die Spritze wird aufgezogen, der dicke Leibarzt Theodor Morell in seiner Fantasieuniform mit Äskulapstäbchen auf den Kragenumschlägen wischt sich Schweißperlen von der Stirn, windet den papierweißen, unbehaarten Arm des Führers aus seinem Ärmel, sucht die Vene, sticht zu. Dann dringt die jeweilige "Droge" unter die Haut, in Hitlers Blut, in seinen Organismus, und entfacht neuronale Feuerwerke. Während um den Bunker herum die Welt untergeht.

Befreit man die Argumentation von derlei unterhaltsamen (und unbelegbaren) Ornamenten, bleiben zwei Kernthesen übrig. These eins: Die nationalsozialistische Kriegsführung im Westen wie im Osten wäre ohne den massenhaften Einsatz von Pervitin im Militär nicht möglich gewesen. Pervitin ist ein methamphetaminhaltiges, aufputschendes Präparat, das in der deutschen Gesellschaft in den 1930er Jahren massenhaft und weitgehend bedenkenlos konsumiert wurde. Es hielt die Panzerfahrer und Fußsoldaten bis zu 48 Stunden wach und leistungsfähig. Statt alle paar Stunden gefährliche Pausen einlegen zu müssen und so dem Gegner Gelegenheit zu geben, auf den Angriff zu reagieren, waren dank Pervitin tagelange ununterbrochene Offensiven möglich. Die schnellen Siege der Wehrmacht in Polen (1939) und Frankreich (1940) sind unter anderem mit dieser Dynamik zu erklären. Das wissen wir durch mehrere Bücher zwar schon länger, zuletzt durch das von Tilmann Holzer; es bleibt aber interessant.

These zwei: Hitler und sein Handeln waren durch Drogensucht geprägt und gesteuert. Versorgt mit täglichen Injektionen durch seinen Leibarzt Morell, wurde Hitler süchtig nach einem immer höher dosierten Cocktail aus pharmakologischen Substanzen – darunter das hochwirksame Opioid Eukodal. Sein Handeln war gesteuert durch die neuronale Dynamik von Rausch und Entzug. Diese These, die mit dem ersten Teil der Argumentation eher assoziativ zusammenhängt, ist in mehrfacher Hinsicht problematisch.

Zunächst sind da die methodischen Schwierigkeiten historisch-medizinischer Diagnostik. Historiker sind zu Recht sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, Krankheiten von Toten zu beschreiben. Posthume Psychoanalyse gilt erst recht als schwierig. Sieht man von solchen Bedenken ab, lassen die von Ohler präsentierten Quellen tatsächlich ein Szenario als möglich erscheinen, in dem Hitler durch den gewohnheitsmäßigen Konsum unterschiedlichster Substanzen in seinem Handeln beeinflusst wurde. Eine historische Tatsache ist Hitlers Polytoxikomanie damit nicht, und es lassen sich erst recht keine klaren Aussagen darüber treffen, zu welchem Zeitpunkt Hitler wie genau von welcher Substanz beeinflusst wurde und wie er ohne den Einfluss dieser Substanz gehandelt hätte. Es ist nicht falsch, die Möglichkeit einer Beeinflussung bei der Rekonstruktion und Interpretation von Hitlers Handeln mit einzubeziehen. Belastbare, kausale Erklärungen lassen sich auf diesen Befund allerdings nicht gründen.

Das zentrale Problem von Ohlers Darstellung ist, dass er zwischen "vielleicht" und "tatsächlich" nicht unterscheiden kann. Absolut jeder von Ohler erwähnte Aspekt des Nationalsozialismus wird in seiner Interpretation kausal, assoziativ oder suggestiv mit "den Drogen" verknüpft. NS-Propaganda und Mobilisierung der Massen? Ein Rausch! (S. 31) Krankenmorde und Rassenhygiene? Reduziert Ohler auf die Verfolgung von Drogensüchtigen. (S. 36 f.) Hetze gegen die jüdische Bevölkerung? Wird zu einer Reaktion auf den jüdischen Drogenhandel. (S. 38) Die Unterschrift des tschechoslowakischen Präsidenten Emil Hácha unter die Kapitulationserklärung am 15. März 1939 in Berlin? War Ergebnis einer Spritze von Leibarzt Morell. (S. 60) Der mysteriöse Haltebefehl von Dünkirchen? Hitler und Göring waren high! (S. 114 f.) Die Kriegswende 1941? Hitlers Sucht geriet außer Kontrolle. (S. 160) Die deutsche Kriegserklärung an die USA? Kein Wort zu Japan, lässt sich alles mit Hitlers drogeninduzierter Selbstüberschätzung erklären. (S. 165) Mussolini schert 1943 doch nicht aus dem Krieg aus? Hitler hatte einen Laberflash auf Eukodal und hat ihn nicht zu Wort kommen lassen. (S. 189)

Quellenkritik findet nicht statt

Diese Aussagen sind nicht nur überwiegend falsch. Durch die Konzentration auf (undefinierte) "Drogen", die als Erklärung für alles herhalten müssen, entsteht auch ein völlig verzerrtes Bild. Mit den Ergebnissen der NS-Forschung hat es wenig zu tun. Der kürzlich verstorbene Hans Mommsen schreibt in seinem Nachwort, Ohler ändere mit seiner Darstellung "das Gesamtbild", und verstärkt damit den Anschein wissenschaftlicher Seriosität. Mit seiner Einschätzung hat er nicht unrecht: Die Argumente Ohlers ließen sich nach einer kritischen Reduktion auf das Wesentliche und das Nachweisbare gewinnbringend in das Gesamtbild einordnen, und es wäre möglich, durch diese Einordnung neue Erkenntnisse zu gewinnen. Leider geschieht diese Einordnung jedoch bei Ohler nicht. Statt seine Erkenntnisse mit dem bereits Erforschten zu verknüpfen, Argumente abzuwägen, zu relativieren und ein ausgewogenes Gesamtbild anzustreben, veranstaltet er einen hemmungslosen Anekdoten-Karneval.

Besonders unangenehm ist das, weil er vorgibt, historische Forschung zu betreiben. Die aufwendigen Achivrecherchen, der Anmerkungsapparat, das Nachwort von Mommsen, die Aufmachung des Buches deuten darauf hin. Und tatsächlich stützt Ohler ja seine Argumente auf Quellen. Allerdings bleibt der Zusammenhang zwischen Zitat und zitierter Quelle häufig unklar, Quellenkritik findet nicht statt, und eine Unterscheidung zwischen belegten Fakten und ausgedachten Ausschmückungen bleibt dem Leser überlassen.

Zielgruppe des Buches ist aber kein Fachpublikum, das durch kritische Lektüre solche Fehler identifizieren kann. Ohler weckt und befriedigt mit seinem Buch Sensationslust. Kapitelüberschriften wie Sieg high, Blut und Drogen oder High Hitler bestimmen den Ton. Das effektheischende Wortspiel kennt keine geschmacklichen Grenzen, egal wie viele Menschenleben den jeweils beschriebenen Ereignissen zum Opfer gefallen sind. Wenn Ohler auf der vorletzten Seite seines Buches behauptet, er habe nicht in der "intimen Betrachtung nach Sensationen" gesucht, möchte man vier Seiten zurückblättern und seinen Kommentar zu Hitlers Selbstmord noch einmal genießen: "Deutschland, Land der Drogen, der Weltflucht und des Weltschmerzes, suchte den Superjunkie. Und fand ihn in seiner dunkelsten Stunde in Adolf Hitler."

Die Vermischung von sensationshungrigem Hitler-Voyeurismus und wissenschaftlicher Sachbuchpose ist hochproblematisch. Zum einen überdecken oder ersetzen Hitler-Mythen wie diese eine kritische Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus, der so viel komplexer war als "Blut und Drogen". Zum anderen birgt aber auch die suggerierte Interpretation des Drogenphänomens problematische Implikationen. Die Drogen, die Hitler in Ohlers Erzählung auf so eindrucksvolle Weise zu sich nimmt, funktionieren hier als Brücke zwischen Hitler, dem Menschen, und Hitler, dem Monster. So entsteht eine simple Antwort auf die abgründige Frage, wie es passieren kann, dass ein einzelner Mensch so viel Unheil anrichtet: Er war nicht Herr seiner selbst. Mensch plus Droge gleich Monster.

Sowohl die Geschichte des NS-Regimes als auch die Geschichte der Drogen beschreiben Entwicklungen, denen Menschenleben zum Opfer gefallen sind. Wer diese Geschichten erzählen will, hat eine Verantwortung. Statt ihr mühsam gerecht zu werden oder es zumindest zu versuchen, hat Norman Ohler aber lieber ein paar Wortspiele gemacht.

Norman Ohler: "Der totale Rausch". Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015; 368 Seiten, 19,99 €, als E-Book 17,99 €