Es ist später Samstagabend am Hauptbahnhof, Elif ist in Alarmstimmung. "Salem aleikum, wo bist du?", ruft sie in ihr Smartphone. Sie trägt ein rotes Kopftuch und eine blaue Warnweste, "Refugees helper" steht darauf. Eigentlich heißt sie Tomke. Tomke aus Varel in Friesland, 25 Jahre alt, von Beruf Postbotin. Vor einem Jahr ist sie zum Islam konvertiert, seither nennt sie sich Elif.

An diesem Abend koordiniert Elif die Schlafplatzverteilung. Bis zu 1300 Flüchtlinge bringen die Helfer jede Nacht unter, Menschen, für die Hamburg nur der Ort einer kurzen Rast auf ihrem Weg nach Norden ist. Der Hauptbahnhof ist zu einem Knotenpunkt der Flüchtlingsrouten geworden. Hunderte, manchmal Tausende Menschen aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak kommen jeden Tag an. Sie fallen auf, weil sie nicht sofort weiterreisen, sondern versuchen, sich zu orientieren. Familien schleppen Koffer über die Bahnsteige, schlafende Kinder auf dem Arm, oder drängen sich an den Fahrkartenautomaten. Dazwischen die Helfer wie Elif.

Es ist ein Freiwilligendienst in einer juristischen Grauzone. Streng genommen ist das, was die Ehrenamtlichen machen, illegale Fluchthilfe. Denn laut EU-Regeln müssten sich die Flüchtlinge in Deutschland registrieren lassen. De facto lässt der Senat die Flüchtlinge und ihre Helfer gewähren. Jeder, der ohne Registrierung weiterzieht, verringert die ohnehin großen Unterbringungsprobleme. Aus der Innenbehörde heißt es, am Hauptbahnhof stehe ein Bus, der zur Zentralen Erstaufnahme nach Harburg fährt – für jene, die hier Asyl beantragen wollen. Man könnte argumentieren, Hamburg mache das Gleiche, was die Bayern den Österreichern vorwerfen: Flüchtlinge durchwinken, damit sie nicht auf der Tasche liegen. Nur was ist die Alternative? Die Flüchtlinge aufhalten? Ein Horrorszenario.

Zuletzt schien es, als stoße dieses Engagement an Grenzen. Die Schweden fühlen sich überfordert und haben Grenzkontrollen angekündigt, Norwegen und Dänemark wollen ihr Asylrecht verschärfen. Norddeutschland macht sich auf einen Flüchtlingsstau gefasst.

Für Elif und ihre Mitstreiter ist die Rechtslage zweitrangig. Wer weiterwill, soll weiterdürfen, finden sie. Elifs Smartphone brummt unaufhörlich. Wohin mit den Menschen. "Inschallah, ich weiß es nicht!", ruft sie. Ist das schon die Zuspitzung der Krise? Nein, noch herrscht Normalbetrieb, aber der ist dramatisch genug.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 47 vom 19.11.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Die Zentrale der Helfer steht unter der Stahltreppe im Ostflügel des Bahnhofs. An den Treppenstufen hängen Dutzende Hinweiszettel auf Deutsch, Englisch und Arabisch. Wieder klingelt Elifs Telefon. Sie läuft an Arbeitern vorbei, die in der Wandelhalle Glitzerkugeln aufhängen. Der Advent naht. Der Schmuck wirkt wie ein Versuch, die Normalität aufrechtzuerhalten in einer Zeit, in der kaum noch etwas normal ist.

Vor den Zelten am Nordosteingang kommt es zu einem Handgemenge, Helferinnen trennen zwei afghanische Männer, einer ist Flüchtling, der andere ehrenamtlicher Übersetzer. Polizisten drohen mit einem Platzverweis, Elif stürzt dazu. "Ich kenn dich nicht, wer bist du überhaupt?", bellt sie den Übersetzer an. Angeblich hat er eine andere Übersetzerin beleidigt und Flüchtlinge gewarnt, mit ihr zu einem Schlafplatz zu gehen. "Bei den neuen Übersetzern müssen wir aufpassen", sagt Elif. "Da schmuggeln sich manchmal Schleuser ein."

Die Stimmung ist nervös, Gerüchte machen die Runde, angeblich will Schweden keine Zuwanderer mehr ins Land lassen. Grenzschlusspanik, viele Flüchtlinge wollen weiter, ehe es zu spät ist. Die Helfer sind im Stress an diesem Samstagabend. Sie erklären die Lage. Sie schauen Abfahrtszeiten auf dem Smartphone nach, telefonieren mit den Ehrenamtlichen in Lübeck, Kiel und Rostock: Könnt ihr noch Leute unterbringen? Sollen wir sie hierbehalten?

"Wir brauchen einen Übersetzer für Farsi!", ruft Elif. "Farsi!" Vor ihr steht eine Familie, die gerade angekommen ist. Itris kommt angelaufen. 21 Jahre alt, die Baseballkappe umgekehrt aufgesetzt, die Warnweste schlabbert über dem engen Sweatshirt. "Es ist Samstagnacht, ich bin jung – was mach ich hier eigentlich?", scherzt er.

Als Einjähriger kam er aus Afghanistan nach Hamburg. "Meine Eltern waren vor 20 Jahren genau in der Situation, in der die Leute hier sind." Vor drei Wochen war er zum ersten Mal hier, seither ist er es fast jeden Abend. Viele junge Leute helfen, deren Eltern selbst einst Flüchtlinge waren.

Gegen ein Uhr bringen Passanten ein Mädchen aus Somalia vorbei. Die Landsleute, mit denen die junge Frau unterwegs war, seien zudringlich geworden. Nada heißt sie, vielleicht 16 Jahre alt, allein auf der Flucht. Wo soll sie hin? Sie will weiter nach Malmö, zu Verwandten, sagt sie. Nach einigem Herumtelefonieren findet sich ein Schlafplatz im Gästezimmer einer Frauen-WG.

Danach wird es ruhiger. Nach Mitternacht kommt nur noch eine Handvoll Flüchtlinge an. In den Notlagern gibt es noch freie Plätze. Gegen halb zwei geht Elif nach Hause. In der Wandelhalle johlen betrunkene Jugendliche, Security-Mitarbeiter laufen Streife, Arbeiter hängen Lichterketten auf. Es ist alles fast wie immer.