Noch immer kommen jede Nacht Tausende von Flüchtlingen nach Deutschland, noch immer klappt Dublin nicht, klappt Schengen nicht, murrt die CDU und steigt die Zustimmung für die AfD in den Umfragen. Und trotzdem ist nach diesem Wochenende alles anders.

Gerade schien die Kanzlerin kurz vor der Demontage, ihr Auftritt beim CSU-Parteitag am kommenden Wochenende ein möglicher Showdown im Duell zwischen Regierungschefin und ihrer Parteibasis.

Nun sagt Merkel achselzuckend, sie wisse noch nicht, was sie am Wochenende bei der CSU sage. Wochenende, pfff, das ist ja erst in drei Tagen. Zehnter Jahrestag ihrer Kanzlerwahl? Ach ja, am Sonntag. Geschenkt. In drei Tagen kann die Welt sich ändern.

In den vergangenen drei Tagen hat sie das getan. Der Papst spricht vom Dritten Weltkrieg, der Bundespräsident vom Krieg, Frankreich, der wichtigste Verbündete Deutschlands, ist im Krieg. Oder fühlt sich wenigstens so.

Und Merkel?

Die sagt, die Situation sei "demanding", fordernd, wenig Routine, jeder Tag anders. Sie kommt gerade vom Treffen mit 19 Staatschefs. Alle haben ihre Schwierigkeiten mit Flüchtlingen. Die meisten haben Erfahrungen mit Terror. Deutschland wirkt plötzlich sehr unversehrt. Und Horst Seehofer sehr harmlos.

Unbeirrt und ratlos, so kann man die Gemütslage der Kanzlerin vielleicht am besten beschreiben. Merkel ist noch immer der Überzeugung, dass sie die Flüchtlingskrise nicht verursacht hat und dass es nicht hilft, symbolische Maßnahmen zu ergreifen, die doch nichts ändern. Dass "die Bundeskanzlerin" aber alles im Griff hat, wie Merkel sich am Freitagabend, unmittelbar vor den Attentaten, selbst bescheinigt hat, das glaubt sie wohl selbst nicht. Wie auch?

Abwarten, auf die Fehler ihrer Gegner setzen – die Zeit war oft Merkels stärkster Verbündeter. Nun ist sie ihr ärgster Feind. Von draußen drängen die Flüchtlinge ins Land, das institutionelle Europa zerlegt sich, die Terrormiliz IS attackiert Europa. Merkel hat es also nach außen mit Gegnern zu tun, die sie kaum erreichen, geschweige denn beeinflussen kann. Gleichzeitig ist ihre Machtbasis von innen bedroht. Früher hätte man von einem Zweifrontenkrieg gesprochen, den Merkel kämpfen muss. Heute ist so ein Wort unpassend. So wie der Versuch, aus der Lage parteipolitisches Kapital zu schlagen. Das hat auch CSU-Chef Horst Seehofer erkannt. Als sein Finanzminister Markus Söder twitterte, Paris ändere alles für die Flüchtlingsdiskussion, wurde er von Seehofer hart abgegrätscht.

Die Terrorangriffe auf Paris haben Merkel für den Augenblick – so makaber das klingt – politisch Entlastung verschafft. Und zugleich machen sie alles noch schwerer. Entlastung, weil Merkels Ansatz, eine Lösung des Flüchtlingsproblems vor allem an den Außengrenzen zu suchen, sich nun stärker als zuvor einfügt in eine internationale Strategie. Von einer isolierten Kanzlerin kann keine Rede sein. Es sind jetzt nicht mehr Merkels Flüchtlinge, sondern die Flüchtlinge eines außer Kontrolle geratenen Nahen und Mittleren Ostens, die die ganze Welt beschäftigen. Gleichzeitig wird nach dem Terroranschlag unweigerlich die Bereitschaft sinken, weitere Flüchtlinge aufzunehmen. Und das nicht nur in Deutschland.

Auf welcher Seite brennen zuerst die Sicherungen durch – bei den Europäern oder bei Merkels eigener Partei? Diese Frage ist vertagt, aus der Welt ist sie nicht.

Kürzlich hat Merkel nachgerechnet: 13 Wochen dauert die sogenannte Flüchtlingskrise nun an. Unglaublich viel habe man in dieser Zeit geschafft: Juncker war in der Türkei, Tusk war in der Türkei, sogar mit Putin kann man wieder reden. So sieht es Merkel.

13 Wochen dauert die Krise nun. Und noch immer kommen täglich Zehntausende nach Deutschland. So sehen es CDU und CSU.

UN, EU, G 7, G 20 – das ist der Rahmen, in dem Merkel sich bewegt, in dem sie denkt.

Freilassing, Passau, LaGeSo Berlin – das sind die Schauplätze, die ihre Partei beschäftigen.

Der Eindruck, dass da eine Distanz entstanden ist zwischen der beliebtesten Kanzlerin aller Zeiten und ihrer eigenen Partei, der ist nicht falsch.