Yavuz ist ein junger türkischer Weinbauer. Er war am Wochenende auf dem Weg von den Toros-Bergen nach Konyaaltı, einem Bezirk Antalyas, er wollte Freunden einige Kisten Wein für deren Hochzeit bringen. Kurz vor Antalya wurde er, wie er mir berichtete, von Polizisten wegen des G-20-Gipfels in Belek gestoppt. Yavuz ist ein Mann, der sich, wie die meisten Türken, schnell erregen kann, ich hatte ihn 2013 im Gezi-Park in Istanbul kennengelernt, in dem sich erst Naturschützer, dann immer mehr Studenten gegen die autoritären Regierungsmethoden des jetzigen Präsidenten Erdoğan erhoben hatten.

Yavuz erklärte den Polizisten, dass er wegen eines G-20-Gipfels in Belek nicht daran denke, seine Fahrt zu unterbrechen, überreichte eine Flasche Wein und wurde verhaftet.

Während Yavuz die Nacht in einem Mannschaftsbus der türkischen Polizei verbrachte statt auf der Hochzeit seiner Freunde, hörte er Stimmen aus den iPhones der Polizisten. Er hörte Obama, der den IS nun verstärkt bekämpfen wolle; er hörte von Putin, der sich mit Obama länger beraten habe; er hörte von Angela Merkel, die eigentlich zum G 20 gekommen war, um mit der Türkei über die Flüchtlinge zu verhandeln, sich aber nun über den Kampf gegen den IS beraten musste.

Vor allem aber hörte er Präsident Erdoğan, der seine Gäste begrüßte, mit Süßspeisen versorgte und sich immer wieder im Gruppenbild neben Obama stellte, neben dem er laut G-20-Protokoll gar nicht hätte stehen dürfen und laut türkischer Verfassung schon gar nicht, da hätte der türkische Ministerpräsident stehen müssen (so waren also schon die Begrüßungsworte bis hin zur Choreografie des Gipfels ein demokratischer Rechtsbruch).

Das Nächste, was Yavuz sah, war ein Video, das bei den jungen Polizisten die Runde machte. In Antep, einer Stadt in Südostanatolien, feiern türkische IS-Anhänger die Terroranschläge von Paris. Sie fahren stundenlang und unbehelligt in Konvois durch eine der größten Städte der Türkei und schwenken die schwarzen IS-Fahnen, ohne dass den weiteren Berichten zufolge auch nur ein einziger Polizist eingegriffen habe.

Normalerweise wird in der Türkei alles verhaftet, was bei drei nicht auf dem Baum ist beziehungsweise schweigt oder das Land verlässt: Journalisten, zuletzt ganze Medienagenturen, Anwälte; ja, in der Erdoğan-Türkei werden sogar Klaviere verhaftet, wenn sie als verdächtig erscheinen und jemand auf ihnen Beatles spielend auf dem Taksim-Platz in Istanbul zu demonstrieren wagt. In der Erdoğan-Türkei werden sogar Schriftsteller für Bücher verhaftet, die sie noch gar nicht veröffentlicht haben. Klaviere verhaftet man, potenzielle Buchautoren verhaftet man, den Behörden bekannte potenzielle islamistische Selbstmordattentäter allerdings nicht. (Die werden, wie zuletzt beim Anschlag in Ankara, erst verhaftet, wenn die tot sind ... Und vorher eine Demonstration mit vorwiegend prokurdischen Friedensaktivisten in die Luft gesprengt haben.)

Wenn man sich das G-20-Gruppenbild mit türkischem Präsidenten anschaut, dann sind die Bilder aus Antep eigentlich nur eine Verdeutlichung dafür, wie absurd dieses Gruppenbild ist. Das vielleicht absurdeste politische Gruppenbild überhaupt: die Nous sommes Paris-predigenden Weltmächte ausgerechnet in der süßen Umarmung eines Mannes, über den und dessen Land sich der IS jahrelang mit Rekruten und Waffen hat versorgen und sein geschmuggeltes Öl für angeblich 1,5 Millionen Dollar täglich (!) hat absetzen können.

Zeitgleich zum Anti-Terror-Gipfel und den irrsinnigen Bildern aus Antep ließ die türkische Regierung im Übrigen weiter die Stellungen der kurdischen PKK an der türkisch-syrischen Grenze bombardieren, also jene Kurden, die lange die Einzigen waren, die dem IS-Terror, wie in Kobane, standhalten konnten. Zeitgleich zum Anti-Terror-Gipfel starben bei den Bombardements eine schwangere Frau und ihre fünf Kinder, die in Nusaybin nur in ihren Garten gehen wollten.

Wie steht nun ein Gipfel der Weltmächte da, der einerseits die Fluchtursachen beseitigen und den IS bekämpfen will und der diesen andererseits so entscheidend unterstützt, indem er den Kurden so massiv schadet? – und das sogar, auf Bitte Erdoğans, per Nato-Beschluss am 28. Juli dieses Jahres.

Wir sprechen ja gerade sehr viel von westlichen Werten und vom Kampf gegen den Terror. Und trotzdem wird nach den Anschlägen von Paris das russische Militär natürlich weiterhin genau jene syrischen Rebellen und Assad-Gegner bombardieren, die ebenfalls den IS bekämpfen. Trotz der Anschläge in Paris wird das türkische Militär mit seinen Einsätzen gegen kurdische Stellungen natürlich weiterhin alles dafür tun, damit der IS im Nordirak und in Syrien immer weiter sein Unwesen treiben kann.

Von wegen Fluchtursachen bekämpfen ... Die Nato, als Partner der Türkei, produziert sie mit; die internationale Diplomatie, als Gesprächspartner für Putin und Erdoğan, produziert sie ebenfalls mit – und sie lässt sich nun auf dem Gipfel Süßspeisen von ebenjenem Erdoğan reichen, der sein Land mehr und mehr mit Terror und Unfreiheit regiert und statt Selbstmordattentäter Klaviere verhaftet.

Ein solcher Gipfel von Politikern, der diese absurden Widersprüche nicht wenigstens einmal benennt, ist ein sehr trauriger Gipfel.

Yavuz verließ dann erst am nächsten Morgen den Mannschaftsbus der Polizisten. Sein Wein wurde wegen Terrorgefahr beschlagnahmt.

Moritz Rinke ist Dramatiker und Romanautor. Zuletzt erschienen "Erinnerungen an die Gegenwart" bei Kiepenheuer & Witsch.