DIE ZEIT: Herr Kleinschmidt, Sie haben das größte Flüchtlingslager in Jordanien geleitet und beraten jetzt die österreichische Innenministerin. Hat der Terror in Paris die Lage an den Grenzen verändert?

Kilian Kleinschmidt: Bisher noch nicht. Es reisen immer noch Zehntausende Menschen durch Österreich. Sie kommen durch Slowenien ins Land, dann geht es zur bayerischen Grenze. Dort werden an fünf Übergängen pro Stunde 50 Flüchtlinge weitergelassen. Das klappt inzwischen ganz gut.

ZEIT: In den USA hat es seit dem 11. September 2001 keinen islamistischen Anschlag mehr gegeben. Manche sagen, das sei so, weil dort die Zäune höher und die Grenzkontrollen strenger sind. Was halten Sie von diesem Argument?

Kleinschmidt: Terroristen werden Sie durch Zäune nicht aufhalten. Verzweifelte Flüchtlinge aber auch nicht. In den USA gibt es Millionen illegale Einwanderer, trotz des Zauns an der Grenze zu Mexiko. Europa zu einer Festung auszubauen wird nicht funktionieren.

ZEIT: Warum errichtet dann Österreich gerade einen Zaun an der slowenischen Grenze?

Kleinschmidt: Das tut es am Grenzübergang in Spielfeld, der liegt zwischen Autobahn und Eisenbahngleisen. Da gibt es nicht viel Platz, der Andrang ist groß und damit auch das Chaos. Dort ist es sinnvoll, die Massen unter Kontrolle zu bringen, die Weiterreise der Menschen zu managen und Panik zu verhindern. So was macht man an jedem Flughafen. Quatsch ist es aber, wenn nun auch anderswo, quer durch Europa, Zäune gezogen werden.

ZEIT: Dass Grenzen und Zäune gar keine Wirkung haben, wird niemand behaupten können.

Kleinschmidt: Wir können keine Mauer um ganz Europa herum bauen. Ungarn versucht das gerade, und auch Bulgarien stellt munter Zäune auf. Aber dann kommen die Menschen auf anderen Wegen. Sie fahren mit Fahrrädern aus Russland über Norwegen. Anstatt neue Zäune zu ziehen, sollten wir lieber überlegen, was passiert, wenn große Mengen über die Ukraine oder Albanien kommen. Dann haben wir Probleme, gegen die uns die heutige Lage harmlos vorkommt. Restriktive Maßnahmen fördern die Illegalität und kriminelle Strukturen. Wer glaubt, dass sich Menschen freiwillig in Registrierzentren oder Hotspots begeben, wenn sie wissen, dass sie dort sofort abgeschoben werden, lebt in einer Traumwelt.

ZEIT: Und was wäre die bessere Lösung?

Kleinschmidt: Deutschland hat das einzig Richtige getan, es ist ein Vorbild. Es hat die Moral in Europa wiederhergestellt und gezeigt, dass man sich um Menschen kümmern muss, die schwach sind und verfolgt werden.

ZEIT: Zu allen Zeiten gab es schlimme Zustände in der Welt. Für welche sind wir zuständig?

Kleinschmidt: Irgendjemand muss sich kümmern. Im vergangenen Jahr war der Weltgemeinschaft die Rettung von Menschen gerade mal 24,5 Milliarden Dollar an humanitärer Hilfe wert. Das musste reichen für die Opfer von Erdbeben, Flutkatastrophen und Kriegen. Das ist weniger, als ein Wolkenkratzer in New York kostet. Das ist ein Witz.

ZEIT: Fakt ist, dass dem deutschen Vorbild kaum ein anderes europäisches Land folgen will.

Kleinschmidt: Die Bundeskanzlerin muss deswegen nach weitergehenden gemeinsamen Lösungen suchen. Wir bräuchten einen Weltgipfel über Migration, dafür könnte sie sich einsetzen. Oder sie könnte wenigstens eine Gruppe von interessierten Staaten zusammenbringen. Wir müssen den direkt betroffenen Nachbarländern viel stärker helfen, aber auch legale Wege der Auswanderung schaffen. Die sind im Moment vollkommen blockiert.

ZEIT: Wie sollen legale Wege funktionieren?

Kleinschmidt: Ich habe eine Weile mit der schwedischen "letthemfly"-Initiative zusammengearbeitet, die dafür wirbt, dass die Flüchtlinge in Flugzeuge steigen dürfen. Warum fliegen wir nicht besonders schutzbedürftige Menschen aus?

ZEIT: Warum nicht?

Kleinschmidt: Weil die EU die Fluggesellschaften verpflichtet hat, den Rücktransport zu bezahlen – wenn jemand kein Asyl bekommt. Deswegen nehmen sie niemanden ohne Visum mit. Das ist zynisch. Wir sollten sichere, legale Wege für Flüchtlinge, aber auch für Arbeits- und Ausbildungsmigranten schaffen.