Romane, die von historischen Ereignissen handeln, weben ein feines Gespinst zwischen die beiden Bedeutungen des Wortes "Geschichte" – sie betreiben Geschichts- und Geschichtenschreibung zugleich und gehören aus diesem Grund seit je zu den kraftvollsten Formen von Literatur. Sonnenschein, der 2007 erschienene, aber erst jetzt übersetzte Roman der kroatischen Autorin Daša Drndić, reiht sich in die Literatur über den Holocaust nicht einfach ein. Fast manisch und ungeheuer dringlich reflektiert dieser Text seine Doppelidentität zwischen Fakt und Fiktion: "Wir tragen die Geschichte in unseren Knochen, und da, in unseren Knochen, bohrt sie rheumatisch, und kaum eine Medizin kann sie beruhigen." Wie ein "Blutsauger" sitzt sie in uns und "dauert so lange wie die Vergangenheit, ewig. Oh ja, das tut weh, ich weiß."

Die Geschichte, die Haya Tedeschi in den Knochen sitzt, ist die einer Abwesenheit. Ihr Schaukelstuhl quietscht, und sie wartet, schon seit zweiundsechzig Jahren. Jetzt ist 2006, aber damals,1944, hatte sie, eine Jüdin, Kurt Franz kennengelernt. Er war ein SS-Mann, aber er liebte auch Apfelstrudel und Musik, und so kommt es zu dem Baby, das 1945 geboren wird und eines Tages verschwunden ist. Der Kinderwagen mit dem kleinen Antonio Tedeschi ist plötzlich weg, "als hätte es ihn nie gegeben". Die Geschichte hat zugeschlagen und quält Haya seither: "Wir sind eine Familie ohne Spuren." Sie kann einen Stammbaum aufmalen, doch eigentlich ist da "nur Fäulnis". Der Liebhaber ein Schlächter in Treblinka, der Sohn wie ausgelöscht.

Antonio ist eines jener Kinder, die durch Himmlers Lebensborn-Heime geraubt, misshandelt und mit neuen Identitäten an fremde Familien weiterverteilt wurden. 250.000 Kinder sind während des Zweiten Weltkriegs verschwunden, nicht einmal ein Fünftel hat seine Eltern später aufspüren können. Haya und Antonio, der sein Leben als Hans Traube gelebt hat, finden sich wieder, aber da sind ihre Lebensgeschichten schon fast vorbei. Antonio/Hans überkommt beim Gedanken an seinen SS-Vater nur Hass und "eine organische Übelkeit". Und Haya trägt einen "Friedhof in ihrer Brust", einen Schlund, "an dessen Grund, in der Finsternis, ein müdes Herz schlägt, sie weiß nicht mehr wessen".

Dieser Roman lässt sich kaum nacherzählen. Sicher, da sind Haya und ihre jüdischen Eltern, Florian Tedeschi und Ada Baar. Doch die Geschichte dieser Familie im italienischen Gorizia, das an der slowenischen Grenze nahe Triest liegt, stellt nur das dramaturgische Gerippe dieses Textes, der eigentlich keine Protagonisten haben möchte. Das Wiedersehen von Haya und ihrem geklauten Sohn ist kein kathartischer Höhepunkt. Beschreibungsgeizig verebbt der Roman mit einem lyrischen Ineinander beider Stimmen, die zwei Stimmen von vielen sind.

Ein Großteil des Textes gilt der Darstellung historischer Zusammenhänge. Daten, Namen, Orte. Familie Tedeschi flieht nach Triest, Haya geht zur Schule, Hitler reist durch Italien und "hat schlechte Laune, ist häufig mürrisch, sein Magen quält ihn". Ada backt, die Transportzüge rollen an. "Transport 101 – Der Zug verlässt Triest am 15. November 1944 und erreicht Dachau am 17. November. Zustieg in Udine und Gorizia. Anzahl der Deportierten: 42." Kurt Franz zeugt mit Haya einen Sohn, geht dann nach Treblinka, dort schlägt er "die Zeit tot, indem er Menschen totschlägt". Seite um Seite reiht sich Bericht an Bericht. Ein lexikalisches Panoptikum der Heime, Deportationen und Gaskammern. Die bürokratische Tötungsrhetorik der Täter trifft auf die Verwundungen der Opfer. "Sie waren Fracht", erinnert sich ein Kommandant aus Treblinka an die Lagerhäftlinge. Der Tod sei ein Meister aus Deutschland, schreibt Drndić mit Paul Celans Todesfuge: "dann steigt ihr als Rauch in die Luft, dann habt ihr ein Grab in den Wolken".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 19.11.2015.

Diese Form der Geschichtsschreibung ist schmerzhaft und verweigert das Vernarben durch die schiere Anhäufung erschütternder Fakten. Auf siebzig Seiten, in der Mitte des Romans, listet Drndić die Namen der ungefähr neuntausend aus Italien oder aus italienisch besetzten Ländern deportierten und ermordeten Juden auf: "Abeasis Alberto / Abeasis Clemente / Abeasis Ester … Zylber Szaya / Zynger Jerachmil". Die Berichte aus dem Triester Konzentrationslager San Sabba werden von Abbildungen flankiert, wie auch sonst immer wieder Fotos in den Text montiert sind und an die "Realität der Geschichte", wie Hannah Arendt einmal schrieb, gemahnen.

Solche Bild-Text-Amalgamierungen auf der Grenze von Fakt und Fiktion kennt man auch von Autoren wie W. G. Sebald und Jonathan Safran Foer, wo sie jedoch offensiver ästhetisiert werden. Daša Drndić – Jahrgang 1946, man läse gern mehr von dieser Autorin – will bloß erinnern, und so entsteht eine zurückhaltende Poetik der Dokumentation, aus deren nüchternem Ton die knappen Beschreibungen seelischer Not umso virtuoser hervordrängen.

Daša Drndić: Sonnenschein. Roman; A. d. Kroat. v. Brigitte Döbert und Blanka Stipetić; Hoffmann und Campe, Hamburg 2015; 400 S., 24,– €, als E-Book 19,99 €