Eines vorweg: Die Ansammlung von Flensburger Strafpunkten, die den deutschen Staat dazu bewog, mir für ein halbes Jahr den Führerschein zu entziehen, beruhte nicht auf Fahren unter Alkoholeinfluss. Ich habe meine Pünktchen stocknüchtern erworben. Das soll keine Entschuldigung sein, nur eine Klarstellung.

Delinquenten wie ich, weiß der deutsche Staat, neigen allerdings dazu, nach Entschuldigungen und Ausreden für ihr sträfliches Verhalten am Steuer zu suchen: blöd geschaltete Ampeln, missverständliche Verkehrsschilder et cetera. Leute wie ich, also Spitzenreiter im Punktesammeln, haben ein mentales Problem, das sie trotz vielfacher Verwarnungen und gehäufter Bußgeldzahlungen nicht begreifen wollen. Sie müssen deshalb einen speziellen Kursus durchlaufen, bevor sie sich überhaupt zur medizinisch-psychologischen Untersuchung anmelden dürfen, auch "Idiotentest" genannt, nach deren Absolvierung sie ihren Führerschein eventuell wiederbekommen.

Dieser Text stammt aus "Z – Zeit zum Entdecken", dem neuen Ressort der ZEIT.

Wie gesagt, ich will mich nicht rausreden. Es ist nicht in Ordnung, um Mitternacht über rote Ampeln zu düsen. Auch dann nicht, wenn weit und breit kein Auto in Sicht ist. Seit meinem sechsmonatigen Fahrverbot warte ich nachts, bis die Ampel auf Grün springt, und wenn es bis zu den Frühnachrichten im Radio dauert. Ich habe auch ohne Murren 600 Euro an den deutschen Staat gezahlt, um an dem Kursus teilzunehmen. Über mehrere Monate hin verbrachte ich einen Abend pro Woche in einer Gruppe erziehungsbedürftiger Verkehrssünder. Ganz ohne Zweifel habe ich dabei einiges über meine niedrige Stressschwelle, meinen ungesunden Spaß am Rasen und meine ebenso ungesunde Angewohnheit gelernt, Autofahren als Gelegenheit fürs Träumen und Herumgrübeln zu nutzen. Das Wertvollste aber, was ich dabei lernte, das war, mich in einer ebenso versauten wie aggressiven Männerhorde durchzusetzen. Ich war nämlich die einzige Frau in dieser Gruppe. Und die einzige Akademikerin.

Ich betrete also an einem Dienstagabend einen Raum im achten Stockwerk eines Hochhauses am Berliner Alexanderplatz. Zwölf Stühle sind in Sichelform aufgestellt, elf schon besetzt. Ich gehe auf den leeren Stuhl zu und höre, als ich mich gerade setzen will, aus einer Ecke: "Naaaa, wen ham wer denn da? Ne Muschi! Ick sach ja immer: Frauen kannste aufer Rückbank jebrauchen, am Steuer sind die ne Qual für de Umwelt." Ich stehe schockstarr vor dem Stuhl. Vielleicht, überlege ich, ist mit meinem Hirn etwas nicht in Ordnung, vielleicht höre ich Stimmen, die sonst niemand hört, und der Führerscheinentzug ist tatsächlich das Resultat eines gravierenden Dachschadens.

Das allgemeine Gejohle und Gelächter, das nun durch den Raum tobt, beruhigt mich hinsichtlich meines Geisteszustands. Hinsichtlich meiner Position als Gruppenmitglied dämmert mir allerdings, dass sie der des Bleichgesichts ähnelt, welches von Kannibalen zum Kessel geführt wird. Der Verkehrspsychologe, ein älterer Herr mit leiser Stimme, kommt herein, grüßt die Runde und zeigt sich erfreut über die heitere Stimmung seiner neuen Klienten. Dass elf davon mit weit gespreizten Beinen da sitzen, die Hand ostentativ im Hosenschritt, scheint er nicht zu bemerken. Oder er hält es für normal.

Die erste Aufgabe besteht darin, sich mit Namen, Alter und Beruf vorzustellen. Ich bin als Fünfte an der Reihe, sage mein Sprüchlein auf, ernte wieder johlendes Gelächter und eine Reihe von Titulierungen, von denen "Studiermuschi", "Zeitungstussi" und "Brillenschlange" (dabei trage ich gar keine Brille) noch die zitierfähigsten sind. "Na, na, na", mahnt der Psychologe mit seiner leisen Stimme, "wir wollen Frau März doch nicht in Verlegenheit bringen." Dann setzt er zu einem Vortrag an, dessen Sinn darin besteht, die Gruppe über die statistische Dramatik ihrer Verfehlungen im Straßenverkehr aufzuklären. Falschparker, sagt er, gibt es in der Bundesrepublik en masse, Autofahrer, denen für einen Monat oder für drei Monate der Führerschein entzogen wird, wenige. Aber sechs Monate! – er macht eine rhetorische Pause – sechs Monate gibt es ganz, ganz selten. Weniger als 0,5 Prozent aller deutschen Autofahrer. Ich ahne, was kommt. Die elf Idioten ahnen es auch. Der Psychologe lächelt in meine Richtung. "Bei Frauen gibt es das eigentlich nie, also das sind wirklich die Ausnahmen der Ausnahmen." Diese Traumvorlage lässt sich die Horde natürlich nicht entgehen. Es hagelt Kommentare à la: "Der Stecher, der die ins Auto gelassen hat, hat die Pappe aber auch ausm Internet, wa?"

Rational begreife ich, was hier vorgeht. Ich bin das Ventil für einen gigantischen Fruststau, das gefundene Fressen für elf, in ihrer Testosteronehre zutiefst gekränkte Typen, darunter vier Berliner Taxifahrer, die sich seit Monaten mit der U-Bahn durch die Stadt quälen und für die Kompensation dieser Schmach eine Superlösung gefunden haben: mich fertigmachen. Ich überblicke auch, dass sich die Horde in zwei Lager teilt, das der lärmenden, aber eher harmlosen Rüpel, zu ihnen zähle ich die Taxifahrer, und das der echten Sadisten. Mein schlimmster Feind, auch das begreife ich, ist der Besitzer von zwei Ferraris und einem halben Dutzend Oldtimern, der sich als "Geschäftsmann" vorstellt. Welche Geschäfte er betreibt, verrät er nicht. Dass sie ihn steinreich machen, lässt er beständig durchblicken, unter anderem mit dem Hinweis auf seinen Chauffeur, der ihn hergebracht hat und auch wieder abholt. Er krakeelt nicht, er murmelt nur vor sich hin. Er benimmt sich wie der Spielleiter eines Wettbewerbs im Herumkrakeeln von Ferkeleien und honoriert die Sprüche der anderen mit anerkennendem Nicken und perfidem Grinsen.