DIE ZEIT: Herr Hofmann, reden wir über VW. Wie kann es sein, dass in einem von der IG Metall dominierten Unternehmen eine Kultur der Angst entsteht?

Jörg Hofmann: Dass Volkswagen von der IG Metall dominiert wird, wäre mir neu. Auch hier haben die Kapitaleigner zunächst das Sagen.

ZEIT: Mehr als 90 Prozent der VW-Mitarbeiter sind in der IG Metall, sie stellt Vertrauensleute und Betriebsräte, im Aufsichtsrat geht nichts gegen sie, und gerade erst hat die Gewerkschaft VW als "Leuchtturm der Mitbestimmung" bezeichnet.

Hofmann: Aber es gab und gibt im Unternehmen gleichzeitig einen extremen Kostendruck. Der fiel bei Volkswagen mit einer Führungsstruktur zusammen, bei der zu viel Macht an der Spitze zentralisiert war. Deshalb fordern der Gesamtbetriebsrat und die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat ja seit Jahren, die Entscheidungen stärker zu dezentralisieren.

ZEIT: Das wurde im Aufsichtsrat jetzt auch beschlossen. Aber wir wundern uns doch: Der VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh forderte "ein Klima, in dem Probleme nicht versteckt, sondern offen an Vorgesetzte kommuniziert werden". Das Klima war also nicht in Ordnung ...

Hofmann: Offensichtlich.

ZEIT: ... und gleichzeitig lobte der Gewerkschafter den zurückgetretenen Konzernchef Martin Winterkorn als "eine der größten Persönlichkeiten, die Volkswagen je hatte", und dankte ihm für die "großartige Zusammenarbeit". Wie passt das zusammen?

Hofmann: Es gibt in so einem Fall mehrere Phasen der Reaktion. Auf die Schockstarre nach den schlimmen Nachrichten folgt nun die Verarbeitung. Die braucht ihre Zeit. Gerade weil VW in den vergangenen Jahren auf einem extremen Erfolgskurs war.

ZEIT: Der, wie wir jetzt wissen, auf tönernen Füßen stand.

Hofmann: Wir müssen hinterfragen, ob es wirklich das einzige Ziel sein kann, die meisten Fahrzeuge in der Welt zu produzieren. Oder ob man das Unternehmen auch nach anderen Zielgrößen ausrichten muss. Diese Diskussion führen wir auch bei den Arbeitnehmervertretern.

ZEIT: Noch mal: Warum gab es bei VW eine Kultur der Angst?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 19.11.2015.

Hofmann: Es liegt jedenfalls nicht an der Mitbestimmung. Das war eher ein Paradoxon und nicht die Ursache. Aber wir haben – und das sagt auch der Gesamtbetriebsrat – nicht genügend darauf geachtet, wie sich die Führungskultur unter dem Druck der Kostenziele entwickelt hat.

ZEIT: Das klingt nach Selbstkritik der IG Metall.

Hofmann: Das ist auch Selbstkritik. Dass es nicht so weitergehen kann wie bisher, ist offensichtlich.

ZEIT: Was heißt das konkret?

Hofmann: Wir müssen als Arbeitnehmervertreter darauf achten, dass man nicht zu schnell zum Normalmodus zurückkehrt. Es ist gut, dass jetzt die unabhängige Anwaltskanzlei Jones Day zur Aufklärung im Hause ist. Und es ist gut, dass wir ein Vorstandsmitglied für Compliance und Integrität bekommen. Beides ist übrigens vor allem den Arbeitnehmervertretern im Aufsichtsrat zu verdanken. Die Kapitalseite allein richtet es nicht.

ZEIT: Bei VW müssen jetzt viele Milliarden eingespart werden. Sind Arbeitsplätze in Gefahr?

Hofmann: Ich teile die Aussage von VW-Markenchef Herbert Diess, dass es aus heutiger Sicht keine Bedrohung der Arbeitsplätze für Stammbeschäftigte gibt. Aber wir müssen in Szenarien denken.

ZEIT: Wie sehen die aus?

Hofmann: Das wahrscheinlichste Szenario ist, dass VW ohne Arbeitsplatzabbau durch diese Krise kommt. Es gibt einzelne Werke, in denen Modellwechsel anstehen und Leiharbeitsverträge nicht verlängert werden, das hat aber mit der Krise nichts zu tun.

ZEIT: Und was ist das schlimmste Szenario?

Hofmann: Ich sehe nicht, dass die Substanz des Konzerns gefährdet ist. Bei Auftragsrückgängen können wir beispielsweise die Arbeitszeit vorübergehend verkürzen, durch Kurzarbeit oder andere Maßnahmen. Die Bundesregierung plant eine Gesetzesänderung, damit auch Leiharbeiter vom Kurzarbeitergeld profitieren können. Das wäre eine große Hilfe, solidarisch durch eine mögliche Krise zu kommen.

ZEIT: Sollen also die Steuerzahler, die das Kurzarbeitergeld finanzieren, für die Fehler bei VW haften?

Hofmann: Kurzarbeit wäre für den Steuerzahler deutlich billiger, als die Leute zu entlassen und ihnen Arbeitslosengeld zu zahlen. Bei Kurzarbeit trägt der Leiharbeitgeber einen Teil der Kosten.

ZEIT: Könnten weitere staatliche Hilfen vom Staat nötig sein?

Hofmann: Ich sehe das nicht.

ZEIT: Können Sie es ausschließen?

Hofmann: Ja, denn es kann ja keine Subventionierung eines einzelnen Unternehmens geben.