In zärtlichen Momenten nannte er seinen Sohn "kleinen Scheißer". Auch heute, wenn Sascha K. in seiner Zelle des Untersuchungsgefängnisses sitzt, empfindet er oft warme Gefühle für Jamie-Dean. In der Erinnerung will er die Windeln des Babys und ausgespuckte Milch riechen. Dann, so schrieb er an eine Freundin, vermisse er seinen Sohn.

Ein solcher Moment der Zärtlichkeit soll es auch gewesen sein, in dem er Jamie-Deans Leben zerstörte. Das Baby war erst drei Monate alt. Aus väterlicher Liebe, so hat es Sascha K. vor dem Haftrichter gesagt, sei er an jenem Abend des 28. April in den vollgemüllten Raum gegangen, den sie Kinderzimmer nannten. K. war betrunken, wie fast jeden Abend. Alkohol machte ihn aggressiv, doch jetzt gerade will er sentimental gewesen sein, "ich hatte ein Bedürfnis nach Nähe zu meinem Sohn", sagt er.

Also hob er Jamie-Dean aus dem Bett. Der Junge wurde wach, weinte. Da war es mit der Zärtlichkeit vorbei. Sascha K. schlug zu.

Seit Anfang November steht der 27-Jährige vor dem Hamburger Landgericht. Er ist wegen gefährlicher und schwerer Körperverletzung angeklagt, außerdem wegen Misshandlung Schutzbefohlener und Verletzung der Fürsorgepflicht. Ihm drohen viele Jahre Haft.

Doch wie auch immer das Urteil ausfallen wird: Jamie-Dean wird es nie erfahren. Das Kind ist seit jener Nacht schwerstbehindert. Es ist blind und taub, kann nicht selbstständig atmen und schlucken. Die wenigen Jahre, die ihm bleiben, wird es auf einer Palliativstation vor sich hin vegetieren.

So beschreibt es seine Vertreterin vor Gericht, die Rechtsanwältin Christiane Yüksel. Ihre Worte sind drastisch, und doch findet Yüksel sie nicht ausreichend, um Jamie-Deans Leid zu beschreiben. Sie will, dass die Strafkammer das Kind auf der Palliativstation besucht. "Das Dahinvegetieren und seine Lebensumstände sind für die Strafzumessung erheblich", sagt Yüksel.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 47 vom 19.11.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Die weichen Seiten des Vaters hat Jamie-Dean nicht oft zu spüren bekommen. Der Alltag der Familie in Finkenwerder war von anderem geprägt: von Alkohol und Aggression, von knallenden Türen, Schreien, Verwahrlosung. Auch von Prügelei.

Die Eltern, Miriam B. , 30 Jahre alt, und Sascha K., sind Alkoholiker. Sie lernen sich in einer Entzugsklinik kennen. Er hat bereits eine Tochter, die heute vier Jahre alt ist, doch die lebt bei der Mutter. Sascha K. hat einmal gesagt, er hasse seine Tochter. Dennoch bekommt er mit Miriam B. ein weiteres Kind, Jamie-Dean. Der Junge wird Anfang Februar geboren, Miriam B. zieht in die Wohnung in Finkenwerder, drei Zimmer an einer Durchfahrtsstraße.

Die beiden trinken weiter, trotz der Therapie, trotz des Babys. Sascha K. ist arbeitslos. Eigentlich muss er gerade wegen einer Verurteilung Sozialstunden auf dem Friedhof leisten, aber er macht oft blau. Sie trinken täglich. Werden aggressiv. Brüllen sich an. Schlagen sich. "Der Alkohol macht ein Monster aus mir", schrieb Sascha seiner Freundin einmal in einer SMS.

Am 20. März muss die Polizei anrücken, weil die Eltern sich prügeln, das Baby im Nebenzimmer.

Eine Zeit lang ist sogar das Jugendamt in den Fall involviert. Weil die Eltern schon in der Geburtsklinik durch Aggressivität aufgefallen sind, weil die Mutter außerdem keine Hebamme hat, schickt das Amt einmal die Woche eine Krankenschwester. Nach dem Polizeieinsatz im März kommen noch einmal Mitarbeiter des Jugendamts, erkennen aber keine Kindeswohlgefährdung. Ende April wird die Hilfe eingestellt. Eine Woche später ereignet sich die Tragödie.

Auch am 28. April trinken Miriam B. und Sascha K. Schon gegen 16 Uhr geht es los. Sascha K. läuft zum Kiosk, acht Halbliter-Dosen Bier und vier Kurze, er lässt anschreiben. Nur wenige Stunden später holt er noch einmal die gleiche Ration. Die Stimmung zu Hause sei gut gewesen, beschreibt er vor Gericht. Die Eltern kümmern sich abwechselnd um Jamie-Dean, trinken Bier aus der Dose, daddeln am Computer. Sie hätten sich an dem Tag zueinander hingezogen gefühlt, was offenbar nicht selbstverständlich war, eine "sexuelle Stimmung" sei aufgekommen.

Doch mit steigendem Pegel schlägt die Stimmung um. Irgendwann gibt ein Wort das andere, Türen knallen, die Nachbarn werden später von Gebrüll berichten. Einer von beiden wirft mit einer Dose Bier, die Eltern schlagen einander ins Gesicht. Miriam B. geht betrunken ins Bett. Sie hört Jamie-Dean noch weinen, denkt, dass der Vater sich kümmert, und schläft ein. Wenig später reißt Sascha K. sie aus dem Bett.

Panisch. Jamie-Dean atmet nicht mehr.