Ja, die jüngsten Terrorattentate vom 13. November sind bedingungslos zu verurteilen. Aber es gibt ein Aber ... Nein, keine mildernden Umstände, die Anschläge müssen nur wirklich verurteilt werden, was mehr erfordert als das simple pathetische Spektakel der Solidarität von uns allen (freien, demokratischen, zivilisierten Menschen) gegen das mörderische muslimische Monster.

In der ersten Hälfte dieses Jahres wurde Europa vor allem von radikalen emanzipatorischen Bewegungen wie Syriza und Podemos in Atem gehalten, während sich die Aufmerksamkeit im zweiten Halbjahr der "humanitären" Aufgabe der Flüchtlinge zuwandte – das liberal-kulturelle Thema der Toleranz und Solidarität verdrängte und ersetzte buchstäblich den Klassenkampf. Mit den Pariser Terrormorden vom Freitag wird jetzt selbst dieses Thema (das immer noch mit großen sozioökonomischen Fragen zusammenhängt) durch einen schlichten Gegensatz zwischen sämtlichen demokratischen Kräften und jenen Kräften des Terrors in den Hintergrund gedrängt, die Erstere in einen gnadenlosen Krieg verwickelt haben – und man kann sich leicht vorstellen, was folgen wird: eine paranoide Suche nach IS-Agenten unter den Flüchtlingen und dergleichen mehr.

Die größten Opfer der Pariser Terrorattentate werden die Flüchtlinge selbst sein – und die wahren Gewinner hinter Plattitüden des Kalibers "Je suis Paris" natürlich die Anhänger eines totalen Kriegs auf beiden Seiten. Deshalb sollten wir die Massaker in Paris wirklich verurteilen, indem wir uns nicht nur in pathetischen Bekundungen antiterroristischer Solidarität ergehen, sondern auf der einfachen Frage insistieren, wem die Massaker denn nützen. Auf ein "tieferes Verständnis" der IS-Terroristen (in dem Sinn, dass ihre beklagenswerten Taten nichtsdestotrotz Reaktionen auf die brutalen Interventionen der Europäer sind) können wir getrost verzichten. Sie sollten als das charakterisiert werden, was sie sind: das islamfaschistische Gegenstück zu den einwandererfeindlichen europäischen Rassisten, zwei Seiten derselben Medaille.

Doch gibt es noch einen anderen, eher äußerlichen Aspekt, der uns zu denken geben sollte, und das ist die Form der Attentate selbst als eine kurzzeitige brutale Unterbrechung des normalen Alltagslebens. Bezeichnenderweise standen die angegriffenen Ziele nicht für das Militär oder die Politik, sondern für die alltägliche Vergnügungskultur der Massen: Fußball, Restaurants, ein Konzertsaal für Rockkonzerte. Eine solche Form von Terrorismus – als vorübergehende Störung – charakterisiert vor allem Angriffe auf hoch entwickelte westliche Länder. In vielen Ländern der Dritten Welt hingegen gehört Gewalt zu den permanenten Gegebenheiten des Lebens. Man versuche sich das tägliche Leben im Kongo, in Afghanistan, Syrien, dem Irak oder dem Libanon vorzustellen: Wo bleibt der Aufschrei der internationalen Solidarität, wenn dort Hunderte sterben? Wir sollten uns jetzt daran erinnern, dass wir unter einer Art Kuppel leben, in der die terroristische Gewalt eine Bedrohung darstellt, die von Zeit zu Zeit explodiert, während in vielen anderen Ländern das alltägliche Leben (mit Beteiligung oder Mitwisserschaft des Westens) aus ununterbrochenem Terror und allgegenwärtiger Brutalität besteht.

In seinem Buch Im Weltinnenraum des Kapitals zeigt Peter Sloterdijk, wie das Weltsystem in der heutigen Globalisierung seine Entwicklung vollendete und nunmehr als kapitalistisches System alle Lebensbedingungen bestimmt: Die zwangsläufige Exklusivität der Globalisierung, deren Grenzen unsichtbar, zugleich aber von außen praktisch unüberwindlich sind und das von anderthalb Milliarden Globalisierungsgewinnern bewohnt wird, während die dreifache Anzahl Menschen draußen vor der Tür bleibt. Mit der Herrschaft des kulturellen Kapitalismus sind alle weltgestaltenden politischen Umwälzungen unter Kontrolle: "Unter solchen Bedingungen könnten keine historischen Ereignisse mehr eintreten, allenfalls Haushaltsunfälle." Sloterdijk weist darauf hin, dass die kapitalistische Globalisierung nicht nur für Offenheit und Eroberung steht, sondern auch für eine abgekapselte Weltkugel, die das Innen von seinem Außen trennt. Die beiden Aspekte sind untrennbar miteinander verbunden: Die globale Reichweite des Kapitalismus basiert auf der radikalen Klassenspaltung, die er auf dem gesamten Globus vornimmt. Sie trennt all jene, die von der Sphäre beschützt werden, von denen, die außerhalb der schützenden Hülle bleiben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 19.11.2015.

Die Pariser Terroranschläge wie auch der Flüchtlingsstrom erinnern uns für einen Augenblick an die gewalttätige Welt außerhalb unserer Kuppel, eine Welt, die sich uns Insidern zumeist in Form von TV-Nachrichten über ferne gewaltgeprägte Länder darstellt, nicht als Teil unserer Realität. Deshalb ist es unsere Pflicht, uns die brutale Gewalt vollkommen bewusst zu machen, von der außerhalb unserer Kuppel alles durchdrungen ist – nicht nur die religiöse, ethnische und politische Gewalt, sondern auch die sexuelle.

Dieser Aspekt sollte keinesfalls als nebensächlich abgetan werden: Von Boko Haram über Mugabe bis zu Putin gibt sich die antikolonialistische Kritik des Westens zunehmend als Absage an eine westliche "Geschlechtsverwirrung" und als Forderung nach einer Rückkehr zur traditionellen Geschlechterhierarchie. Natürlich kann der direkte Export des westlichen Feminismus und der individuellen Menschenrechte als Werkzeug eines ideologischen und ökonomischen Neokolonialismus dienen – wie etwa einige amerikanische Feministinnen die US-Intervention im Irak als einen Weg zur Befreiung der dortigen Frauen unterstützten. Daraus darf man freilich auf keinen Fall den Schluss ziehen, dass die westliche Linke hier einen "strategischen Kompromiss" eingehen und im Namen des "größeren" antiimperialistischen Kampfes "Bräuche" der Erniedrigung von Frauen und Homosexuellen stillschweigend tolerieren sollte. Nein, wir müssen den Klassenkampf wieder auf die Tagesordnung bringen – und das ist allein dadurch zu bewerkstelligen, dass man auf der globalen Solidarität der Ausgebeuteten und Unterdrückten besteht. Ohne diese globale Perspektive ist die pathetische Solidarität mit den Pariser Opfern eine pseudoethische Obszönität.

Trotz aller Unklarheiten rund um den Zustrom von Flüchtlingen nach Europa versuchen doch viele unter ihnen zweifellos, den schrecklichen Bedingungen in ihrem Heimatland zu entfliehen. Einen Tag nach den Pariser Anschlägen kommentierte einer von ihnen trocken im Fernsehen: "Stellen Sie sich eine Stadt wie Paris vor, in der der Ausnahmezustand, der dort jetzt herrscht, über Monate, wenn nicht über Jahre einfach ein beständiges Merkmal des täglichen Lebens bildet. Das ist es, wovor wir fliehen." Den Moment der Wahrheit in dieser Feststellung dürfen wir nicht übergehen.

Aus dem Englischen übersetzt von Michael Adrian