DIE ZEIT: Herr Schäfer, Sie haben mehr als 40 Medizinstudenten mit Studierenden anderer Gesundheitsberufe zusammengebracht. Warum?

Thorsten Schäfer: Wir möchten die Versorgung der Patienten verbessern und haben überlegt, was wir schon im Studium dafür tun können. Normalerweise entscheidet der Arzt allein, was untersucht und wie behandelt wird. Mittlerweile emanzipieren sich aber die Gesundheitsberufe. Physiotherapeuten studieren und wollen im Beruf eigene Entscheidungen treffen.

ZEIT: Das heißt, weil die Ausbildung in den anderen Gesundheitsberufen besser wird, wird die Behandlung schlechter?

Schäfer: Es steigt die Gefahr, dass man nichts voneinander weiß und den Patienten mit unterschiedlichen Ansätzen behandelt. Physiotherapeuten sagen uns, sie bekommen Verordnungen, mit denen sie nichts anfangen können. Früher hätten sie in so einem Fall einfach das Rezept genommen, aber etwas anderes gemacht. Heute fordern sie, selbst über Diagnose und Behandlung zu entscheiden – Sie können sich vorstellen, dass es hier Potenzial für Verbesserungen gibt.

ZEIT: Ist die Kritik denn berechtigt?

Schäfer: Bisher wissen die verschiedenen Berufsgruppen zu wenig voneinander. Wie Physiotherapeuten ihre Patienten behandeln, wie der Bewegungsapparat funktioniert und wie man ihn behandelt, ist nicht Teil des Medizinstudiums. Unser Ziel war es, dass sie mit- und übereinander lernen und Wertschätzung entwickeln. Wohlgemerkt: Ich bin nicht der Ansicht, dass alle das Gleiche lernen müssen. Es geht um die Schnittstellen: Wer macht was? Wer achtet worauf?

ZEIT: Wie lief das Projekt konkret ab?

Schäfer: Wir haben die Studierenden in kleinen, berufsübergreifenden Gruppen Stereotype sammeln lassen. Da kommen Antworten wie "Halbgott in Weiß" oder "herrische Oberschwester" – es wurde viel gelacht. Es ging darum, in welchen Situationen sie zusammenarbeiten müssen und was sie dafür brauchen, also Augenhöhe, Kommunikationsbereitschaft. Und wir haben ihnen zwei komplexe Patientengeschichten vorgestellt. Einen Jugendlichen mit Geburtskomplikationen und einen älteren Patienten mit drei Schlaganfällen. Gemeinsam mussten sie überlegen, wie sie bei der Behandlung vorgegangen wären.

ZEIT: Glauben Sie, dass Ihre Medizinstudenten nun anders mit Pflegern oder Physiotherapeuten umgehen werden?

Schäfer: Das hoffe ich! Ihre Rückmeldungen waren so positiv, dass wir eine solche Veranstaltung nun im Medizinstudium zur Pflicht machen werden.

ZEIT: Haben Ärzte überhaupt ein Interesse daran?

Schäfer: Alle Ärzte, mit denen ich im Vorfeld gesprochen habe, haben gesagt: Wir möchten die Patientenversorgung verbessern. In der Reha ist man zum Beispiel bei der Zusammenarbeit schon sehr weit. In therapeutischen Runden tauschen sich etwa Arzt, Physiotherapeut und Pfleger aus, wer was tut, wann der Patient entlassen werden kann.

Thorsten Schäfer ist Studiendekan der Medizinischen Fakultät der Uni Bochum. An der Universität Bochum lernten Studenten des Modellstudiengangs Medizin unter anderem mit angehenden Ergotherapeuten, Pflegern, Hebammen und Physiotherapeuten der Hochschule für Gesundheit in Bochum.