Ausgerechnet beim wichtigsten Gang fällt die konsultierte Schwäbin ein furchtbares Urteil: "Nicht handgeschabt!" Gemeint sind die Spätzle zum Zwiebelrostbraten, den man in jedem schwäbischen Wirtshaus bekommt. Die Kellnerin hört es und windet sich. Die seien natürlich schon hausgemacht, aber eben aus der Spätzlepresse, nicht ganz klassisch vom Brett.

Man würde ja gern erzählen, wie daraufhin eisige Stille über die Gaststätte hereinbricht, aufgelockert allenfalls vom Geräusch fallender Gabeln. Aber nichts dergleichen geschieht. Wir sind ja nicht in Bempflingen, sondern in St. Pauli; da ist man Skandale gewohnt. Es nimmt sich auch nicht gar so ernst, das Lokal mit dem kauzigen Namen Brachmanns Galeron. Ein bisschen Omas Wohnzimmer mit Pseudokerzenwandleuchten, ein bisschen Kiez mit Brandflecken auf den Spülkästen der Klos.

Man muss der Schwäbin beipflichten: Der Rostbraten bringt es nicht. Das Fleisch ist herzhaft, aber sehnig, die abgeschmelzten Semmelbrösel auf den Spätzle batzen im Mund. "Magst du stattdessen einen Wein?", fragt die fürsorgliche Kellnerin. Kein Reklamationsmanagement nach Lehrbuch, aber es erfüllt seinen Zweck. Man ist hier schon nach der Vorspeise nicht mehr gar zu hungrig.

Nach der prima Vorspeise übrigens. Da überzeugte die feinrindige Flädlesuppe mit reichlich Schnittlauch ebenso wie das norddeutsche Pendant auf der kurzen, wöchentlich wechselnden Karte: ein Salat aus Krabben, Chicorée und Radieschen, dem eine Avocadocreme ein angenehmes Volumen gab.

Am stärksten ist die Küche da, wo sie mit dem Angestammten spielen kann. Etwa bei den österreichischen Kaspressknödeln, die man sich als ein hochkonzentriertes Käsebrot vorstellen kann. Hier bringen Birnen und Steckrüben die richtige Frische dazu. Das Ganze dann noch mit Kümmel und rosa Pfeffer und Vanille abzuschmecken beweist einen Einfallsreichtum, für den man sonst mehr ausgeben muss.

Für Traditionalisten eignet sich der Kiezschwaben-Freistil des Galeron nur bedingt. "Nix Halbes und nix Ganzes", mault die Schwäbin. Dass es dreiviertelüberzeugend war, findet sie aber auch. Was heißt denn eigentlich Galeron? "So was wie Galerie", meint die Kellnerin und zeigt auf ein paar Gemälde an der Wand. Dann auf die Theke: "Und das ist Herr Brachmann." Ein vermeintlicher Stammgast im roten Hoodie hebt kurz den Kopf und sagt "Hallo". Dann genießt er weiter sein Feierabendbier. Brachmann ist ein schwäbischer Lebenskünstler im Exil. Die Stuttgarter Zeitung hat ihn mal liebevoll porträtiert: "Er sitzt auf einer Insel, die vielleicht eines Tages absäuft. Bis es so weit ist, serviert er Flädlesuppe."

Noch ist es offenbar nicht so weit. An der Tür steht: "Wir brauchen Köche". Die Schwäbin lässt ausrichten, der nächste möge sein Spätzlebrett mitbringen.

Brachmanns Galeron, Hein-Hoyer-Str. 60, St. Pauli. Tel. 67 30 51 23, www.brachmanns-galeron.de. Geöffnet montags bis samstags von 18.30 bis 23 Uhr. Hauptgerichte um 16 Euro