Marine Le Pen spricht gerne in Blockbuster-Metaphern. "Den Franzosen geht es wie in Titanic", sagt sie, "in der zweiten und dritten Klasse haben sie schon begriffen, was los ist, aber in der ersten Klasse sehen sie bloß das Wasser plätschern." Hätte sie am Steuer gestanden, so soll man wohl denken, wäre sogar die Titanic noch zu retten gewesen. Spricht sie über die europäische Flüchtlingspolitik, sagt sie: "Das ist Mission to Mars!" Die unterschwellige Botschaft: Die Flüchtlinge sind ein Meteorit, der unsere hoch entwickelte Zivilisation auslöschen könnte.

Marine Le Pen mag diese drastischen Bilder, weil jeder sie sofort versteht. Ein Blockbuster muss nicht klug sein oder feinsinnig. Er setzt auf Effekte. So erreicht er ein großes Publikum.

Ein typisches Blockbuster-Genre ist der Präsidentenfilm. Immer ist in diesen Filmen die Nation bedroht, und immer gibt es diesen Moment, in dem der Präsident eine Ansprache an sein Volk hält. So eine Rolle will Marine Le Pen an diesem Tag spielen.

Es ist Samstag, Tag eins nach den Attentaten. Marine Le Pen, die sich eigentlich im Wahlkampf befindet – Anfang Dezember sind Regionalwahlen –, hat ihre Kampagne ausgesetzt, angeblich aus Pietätsgründen. Sie hat das noch am Abend der Attentate über Twitter mitgeteilt. Doch schon am Nachmittag darauf gibt sie in der Parteizentrale des Front National eine Pressekonferenz. Durch die Objektive der Kameras sieht man drei französische Flaggen, wie ein in die Luft gereckter Dreizack arrangiert, man sieht Marine Le Pen am Rednerpult. Steinerne Miene, tiefe Stimme, staatstragende Melodie: "Meine lieben Mitbürger! Wir erleben eine nationale Tragödie. Frankreich beweint seine Toten, und ich weine mit."

Sie spricht, in offiziösem Duktus, den Angehörigen der Opfer ihr Beileid aus. Sie lobt die Selbstlosigkeit und Professionalität der Ordnungskräfte, als ob sie deren Dienstherrin wäre.

Marine Le Pen, 47 Jahre alt, übt schon einmal, wie es ist, Staatsoberhaupt zu sein.

Ihre Anhänger haben schnell verstanden. Auf Twitter jubeln sie in die Trauer hinein: "Marine Le Pen wird Frankreichs nächste Präsidentin!"

"Die nächste Präsidentin heißt Le Pen."

Auch aus Deutschland kommen solche Kommentare.

Marine Le Pens Erklärung endet mit einem Maßnahmenkatalog. Sie sagt, was jetzt zu tun sei:

Die Kontrolle über die Grenzen zurückgewinnen, egal, was die Europäische Union dazu sagt.

Aufrüsten, die Mittel für Militär, Polizei, Geheimdienste und Zoll aufstocken.

Radikale Moscheen schließen, Ausländer, die den Hass predigen, ausweisen.

Jenen Islamisten, die eine doppelte Nationalität haben, die französische Staatsangehörigkeit entziehen und sie des Landes verweisen.

Alle Illegalen abschieben.

Es ist das, was sie seit Langem fordert. Doch nie klangen ihre Forderungen so schrecklich aktuell. Der Wahlkampf ist nicht vorbei, er ist nicht einmal unterbrochen.

Die Regionalwahlen im Dezember sind auch ein Test für die Präsidentschaftswahlen 2017. Die jüngsten Umfragen, erhoben noch vor den Attentaten, sehen Marine Le Pen an erster Stelle. Sie wird es wohl zumindest in die Stichwahl schaffen.

Schaut man aus den Nachbarländern nach Frankreich, ist es, als blicke man in eine Kristallkugel. Dort scheint zu passieren, was in Zukunft auch anderswo geschehen könnte: In einer gefestigten Demokratie wird die Protestwahl zum Normalfall. In Deutschland gibt es die AfD und Pegida. In Italien gibt es die Lega Nord, in Großbritannien die Ukip, in Dänemark die Dänische Volkspartei, in Belgien den Vlaams Belang, in den Niederlanden die Partei für die Freiheit. In Europa ist es modern geworden, rechts zu sein.

Die Attentate von Paris könnten wie ein Brandbeschleuniger wirken. Am Ende könnte Frankreich von einer Politikerin geführt werden, die irgendwo zwischen rechtspopulistisch und rechtsextrem steht. Das Land, in dem die Freiheit erfunden wurde, die Gleichheit, die Brüderlichkeit.

Marine Le Pen spricht oft über die Werte der Republik. Aber welche Gleichheit meint sie, welche Freiheit, welche Brüderlichkeit? Ist sie eine normale Politikerin, vielleicht tatsächlich eine moderne? Eine erträgliche Variante ihres Vaters, der zigfach wegen rassistischer und antisemitischer Aussagen verurteilt wurde, wegen einer Morddrohung, wegen Körperverletzung, die harmlose Tochter eines Mannes, der in Algerien als Fremdenlegionär gefoltert hat? Oder ist ihre Modernität bloß ein Filmtrick, ein Spezialeffekt?