Lange Zeit wusste man diese Gabe in Deutschland kaum zu schätzen. Tief verankert ist hier die Vorstellung, der Mensch könne nur eine Sprache richtig sprechen. Zwar beweisen Milliarden weltweit das Gegenteil, 163 von 195 Nationen sind offiziell bi- oder trilingual. Doch in Deutschland sahen einflussreiche Germanisten wie Leo Weisgerber die frühe Zweisprachigkeit lange als "nachteilig für das Kind an".

Bis heute haftet Bilingualität bei Kindern ein Makel an: Mal gilt sie als Produkt überehrgeiziger Eltern (Englisch, Chinesisch), mal als Indiz für Integrationsprobleme (Türkisch). "Nicht deutscher Herkunftssprache" heißt die Chiffre der Schulbürokratie. Und es ist nicht lange her, da erhielten Schulen Preise, wenn sie auf dem Pausenhof eine "Deutschpflicht" forderten.

Langsam aber ändere sich etwas, stellt die Erziehungswissenschaftlerin Ingrid Gogolin von der Universität Hamburg fest: "Man akzeptiert nicht nur zunehmend, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, sondern ebenso, dass die Migranten eine andere Sprache mitbringen." Jeder dritte Vorschüler hierzulande bringt eine Migrationsgeschichte mit, in Großstädten wie Frankfurt sind es sogar rund zwei Drittel.

Auch das Bildungsniveau der Neudeutschen verändert sich: Sie sind besser qualifiziert, weltgewandter und selbstbewusster als die Gastarbeiter früherer Zeiten. Mittlerweile liegt der durchschnittliche Bildungsstand der Zugezogenen (ohne Asylbewerber) über dem der Deutschen. Ebenso wächst der Zuzug von Fachkräften mit fremdem Pass. Die Stadt mit den meisten bilingualen Bildungseinrichtungen ist – Volkswagen sei Dank – Wolfsburg.

Zugleich zieht es immer mehr Deutsche in die Ferne, ob zum Schüleraustausch, Studium oder Job. Einige von ihnen kehren mit einem ausländischen Partner zurück – so wie Johannes Rittner. Er lernte seine Frau Claudia beim Studium in den USA kennen. Sie stammt aus Kolumbien. Heute arbeiten beide als Ingenieure in einem internationalen Unternehmen in Berlin. Untereinander spricht das Paar Englisch. Doch als Sohn Adrian auf die Welt kam, redete jeder mit dem Kind auch in der eigenen Muttersprache. "Sonst hätte sich Adrian nicht mit meinen Verwandten in Bogotá unterhalten können", sagt Claudia Rittner.

In der Berliner Multi-Lingua-Kita gehören die Rittners zur typischen Klientel. "Viele der Eltern haben im Ausland eine Vielfalt erlebt, die sie in Deutschland nicht missen möchten", sagt Dina Chubukova. Den Rittners gefällt das bunte Flair dort: Dass ihr Sohn Freunde mit brasilianischen, italienischen und ukrainischen Wurzeln hat, und dass er den St. Patrick’s Day ebenso feiert wie Thanksgiving oder Chanukka. Stolz präsentiert er auch ein paar Brocken Spanisch, Russisch und Portugiesisch, die er aufgeschnappt hat.