Dieser Text ist mit Blick auf das Länderspiel gegen die Niederlande in Hannover entstanden. Ich habe die Gedanken formuliert, die mich seit der Nacht in Paris umtreiben. Nun wurde das Spiel abgesagt. Meine Worte gelten auch nach dieser neuen Schreckensmeldung:

Von den Fans kam keine Reaktion, nichts. Stille. Diesmal hätte ich mir gewünscht, dass sich irgendwelche Chaoten darüber freuen, einen Böller ins Stadion gebracht und gezündet zu haben. So hatte ich es schon so oft erlebt, ein Knall im Stadion – und dann folgt eine Reaktion der Fans.

In Paris kam nichts. Die Detonation in der 21. Minute war lauter als alles, was ich in einem Stadion zuvor gehört hatte. Ich hatte sofort ein mulmiges Gefühl, zugleich aber die Hoffnung, dass mich mein Gefühl trügt. Los, Fans, reagiert; Chaoten, freut euch. Mit jeder Sekunde Stille wuchs mein Unbehagen, dann war klar: Sie reagieren nicht, das war kein Böller. Was war es dann?

Ich saß im Stade de France auf der Tribüne an der Seite von Georg Behlau, dem Leiter des Büros der Nationalmannschaft. Wir hatten uns auf ein interessantes Spiel gegen unsere französischen Freunde gefreut. Wir wollten einen Vorgeschmack bekommen auf das, was uns bei der Europameisterschaft im kommenden Sommer erwarten würde. Die Mannschaft hatte in den Tagen zuvor einen guten Eindruck gemacht, beim Abschlusstraining war Zug drin, die Spieler waren motiviert und hatten Lust auf dieses Spiel. Ich hatte die Hoffnung, dass wir nach der problematischen EM-Qualifikation ein anderes Gesicht zeigen würden. Auf das Debüt des 19-jährigen Leroy Sané hatte ich mich gefreut. Ich war gespannt, wie die Dreierkette in der Defensive funktionieren würde und auf das Comeback von Mario Gómez.

Fußballer-Wichtigkeiten. Nichtigkeiten.

Dann kam der Knall.

Georg Behlau und ich, wir mussten beide daran denken, dass der Tag in Paris bereits mit einem Schock begonnen hatte. In unserem Hotel war eine Bombendrohung eingegangen. Schon früh an diesem Tag wurden wir zum ersten Mal zu einer Risikoabwägung gezwungen. Wie schätzen wir die Lage ein? Welchen Aufwand müssen wir betreiben, um das Risiko zu verringern?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 19.11.2015.

Am Morgen war diese Abwägung relativ leicht, die Schwierigkeit bestand lediglich darin, das Risiko ernst zu nehmen. Eine Bombendrohung – einen vergleichbaren Fall hatten wir bei der Nationalmannschaft zuvor noch nicht erlebt. Es ist schwer zu akzeptieren, welch große Bewegung durch einen einzigen Anruf ausgelöst werden kann. Ich wollte die Bedrohung nicht sofort wahrhaben. Das ist doch nur ein Spinner, hoffte ich. Nach Rücksprache mit unseren Security-Verantwortlichen und dem Sicherheitsbeauftragten des DFB war dennoch relativ schnell klar, dass es nur eine vertretbare Möglichkeit gibt: evakuieren.

Der Malus dieser Entscheidung war, dass wir die gewohnten Abläufe ändern mussten, wir verloren etwa eine Stunde. Der Bonus war, dass wir das Hotel gründlich durchsuchen lassen konnten und danach dort in Sicherheit waren. Und was gibt es Wichtigeres als die Sicherheit?

Zu dieser frühen Stunde an diesem Freitag, dem 13. November, wussten wir noch nicht, welche Herausforderungen uns an diesem Tag noch bevorstanden. Und wie vergleichsweise simpel diese Entscheidung am Morgen war.

Nach dem ersten Knall im Stadion und der darauffolgenden Stille dauerte es nicht lange bis zur zweiten Detonation. Spätestens jetzt war klar, dass etwas Außergewöhnliches passiert sein muss. Das wurde mir umso klarer, als ich die Unruhe auf der VIP-Tribüne spürte. Staatspräsident François Hollande war plötzlich verschwunden, auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier war nicht mehr zu sehen. Das gesamte Szenario war surreal: Vor meinen Augen lief ein Länderspiel, in meinem Kopf liefen die Gedanken hin und her.

Ich wusste, dass dies eine echte Krise ist, aber nicht, welche Ausmaße diese Krise haben würde. Für uns ging es jetzt darum, verlässliche Informationen zu bekommen. Zu Beginn der zweiten Halbzeit habe ich immer wieder auf mein Handy geschaut und die Nachrichten aktualisiert – es war der blanke Horror: Mit jedem Klick stieg die Zahl der Opfer. Während die zweite Halbzeit lief, hatte ich auch den Gedanken, die Mannschaft könne direktes Ziel der Terroristen sein. Von unserem Team geht große Strahlkraft aus. Wir sind Weltmeister. Sind wir deswegen besonders gefährdet? Bin ich dies auf meinem Platz hier auch?

Ich wurde in den vergangenen Tagen häufig gefragt, wie groß die Angst war, die ich in der Nacht im Stade de France empfunden habe. Die Antwort darauf fällt nicht leicht. Es gab verschiedene Stufen der Angst. Ein latentes Gefühl war permanent vorhanden. Die meiste Zeit war dieses aber überlagert von der Vernunft. Ich hätte auf diese Erfahrung gern verzichtet, dennoch finde ich es interessant, wie der Mensch in Extremsituationen funktionieren kann.

Die Vernunft ist stärker als das Gefühl, wenn sie gefordert ist. Bei mir ist das so. Und wenn ich sehe, wie unglaublich professionell sich in der Nacht von Paris Spieler und der gesamte Betreuerstab verhalten haben, dann gilt das wohl für viele andere Menschen auch.

In meinem Leben hatte ich diese Erfahrung erst einmal gemacht. Zum Glück. Das war nach dem Suizid unseres Nationaltorwarts Robert Enke. Damals mussten wir in kurzer Zeit viele wichtige Entscheidungen treffen. Der Kopf lief auf Hochtouren, das Herz hatte Pause. Damals lösten sich meine Emotionen auf der Pressekonferenz; das war kurz nachdem alles geregelt war und alle Entscheidungen getroffen waren.

Bei den Attentaten von Paris war es ähnlich. Solange wir in Frankreich waren, habe ich funktioniert. Ich habe so gehandelt, wie mein Kopf es mir vorgegeben hat. Aus diesem Schema gab es nur wenige Ausbrüche. Zum Beispiel, als ich meine Frau angerufen habe. Da wurde mir bewusst, was wir alles verlieren können. Meine Frau hatte ursprünglich sogar geplant, zum Spiel nach Paris zu reisen. Dann wären wir beide im Stadion gewesen und der Rest der Familie zu Hause – den Gedanken will man gar nicht weiterdenken.

Ansonsten habe ich die Ereignisse sachlich wahrgenommen, punktuell reagiert. Für mich war es in dieser Nacht wichtig, uns aus erster Hand ein klares Bild machen zu können. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich bei mir gemeldet, Dr. Rauball hatte Kontakt mit Innenminister Thomas de Maizière.

Bei Entscheidungen, die der Kopf trifft, hilft es, wenn man Vertrauen in die Informationen spürt, die diesen Entscheidungen zugrunde liegen. Ich hatte ein klares Ziel vor Augen: Die Mannschaft und der gesamte Stab mussten möglichst schnell und möglichst sicher nach Deutschland gebracht werden. Für weitere Gedanken war kein Raum.